Rollenspiel Chroniken

Die Gefährten Chroniken!

Erzählung

Die Runde in Daggerford, erzählt nach den gespielten Abenden

Inhalt
  1. Buch 1
    1. Kapitel 1 · Das Südtor
    2. Kapitel 2 · Das Kontor
    3. Kapitel 3 · Die Frohe Kuh
    4. Kapitel 4 · Nachts im Kontor

Buch 1

Kapitel 1 · Das Südtor

Der vierzehnte Tag des Tarsakh brach über Daggerford an wie jeder Markttag. Nebel stand über dem Delimbiyr, Rauch stieg aus zweihundert Kaminen, und vor dem Südtor wuchs die Schlange der Karren, Körbe und Bauern schon eine Stunde nach Sonnenaufgang länger, als den Gardisten lieb war.

Cir hatte ihr länger zugesehen als irgendwer sonst.

Sie saß im Gras am Grabenrand, den Bogen über den Knien, und zählte. Neunzehn Menschen waren durch das Tor gegangen, seit sie sich hier niedergelassen hatte. Ein Kesselflicker, zwei Mägde mit Hühnern, ein Priester in Grün, Fuhrleute, Kinder. Keiner davon hatte etwas bei sich gehabt, das auch nur entfernt aussah wie das Wesen, das neben ihr im Gras lag.

Khielmar hatte die acht Beine unter den Leib gefaltet und schien zu schlafen. Cir wusste es besser. Der Erschütterungssinn der Spinne fing jedes Rad auf der Straße, jeden Hufschlag, jedes Kind, das auf der Mauer herumsprang. Vor einer Weile hatte sie eine Ratte aus dem Graben geholt und sie Cir vor die Stiefel gelegt, wie sie es immer tat. Cir hatte sie ihr zurückgeschoben, wie sie es immer tat.

Vierzehnhundert Meilen. Der Spinnensumpf, Volothamp, die Trade Way nach Norden, Tethyr, Amn, Baldurs Tor. Sieben Jahre Karawanen, Eskorten, Nächte unter fremden Bäumen. In Baldurs Tor hatte man sie durchgelassen, nach einer Stunde Reden und einer halben Börse Silber. In Beregost hatte ein Bauer mit einer Mistgabel nach Khielmar gestochen, und Cir hatte die Stadt nie betreten.

Sie ging die Reihenfolge noch einmal durch. Erst die Bänder richten. Dann die Messingplättchen so drehen, dass sie im Licht blitzten, denn Menschen beruhigte, was gemacht aussah. Dann Khielmar dicht bei Fuß, die Hand auf ihrem Rücken, damit jeder sah, wem sie gehörte. Dann ruhig sprechen. Nicht zu schnell.

In ihrem Gürtel steckte der Grund, warum sie es überhaupt versuchte: ein abgerissener Anschlag von einem Rastplatz zwei Tage südlich. Fuhrbetrieb beim Südtor sucht Begleitschutz für die Fahrten am Nebelwald entlang. Bogenschützen werden bezahlt. Nach Aussehen wird nicht gefragt.

Nach Aussehen wurde immer gefragt. Aber der Zettel war das Beste, was sie seit Wochen gefunden hatte.

Sie stand auf. Khielmar entfaltete sich neben ihr, ein Leib so groß wie ein Hofhund, die Beine gespreizt so breit wie ein Karrenrad, und an ihrem Panzer klirrten leise die Plättchen.

Die Schlange bemerkte sie nach dem dritten Schritt.

Es gibt ein bestimmtes Geräusch, das eine Menschenmenge macht, wenn sie sich zu fürchten beginnt. Es ist kein Schrei. Es ist ein Atemzug, den zwanzig Leute zugleich nehmen, und dann ein Scharren von Füßen, die rückwärts gehen wollen und nicht können, weil hinter ihnen andere stehen.

Ein Ochse brüllte. Ein Karren mit Winternüssen kippte über den Wegrand, und die Nüsse rollten zwischen die Beine der Leute. Irgendwo rief eine Frau nach ihrem Kind, irgendwo ein Mann, man solle das Vieh erschlagen, und irgendwo lachte einer, weil Lachen einfacher war als alles andere.

Zwei Gardisten der Herzogsgarde standen am Tor. Der ältere hatte die Hand schon am Schwertgriff, der jüngere hatte die Hellebarde gesenkt und hielt sie so, als wüsste er nicht genau, an welchem Ende man ein solches Tier anfassen sollte.

„Stehen bleiben!“, rief der Ältere. „Du da. Und das … Ding da.“

„Sie heißt Khielmar.“ Cir blieb stehen, die Hand flach auf dem Rücken der Spinne. Ihre Gemeinsprache trug den Süden in sich, weiche Vokale, ein Rollen in den Konsonanten, das hier oben niemand einordnen konnte. „Sie gehört zu mir. Sie tut niemandem etwas.“

„Das sagt jeder Bauer über seinen Hund, bevor er einem Kind das Gesicht abbeißt.“

„Sie ist kein Hund.“

Das war, wie Cir einen Herzschlag zu spät bemerkte, nicht der Satz gewesen, den sie hatte sagen wollen.

Der jüngere Gardist warf seinem Kameraden einen Blick zu und lief los, zurück durch den Torbogen in die Stadt. Jemanden holen. Das war gut, wenn es jemand mit Verstand war. Es war schlecht, wenn es jemand mit mehr Hellebarden war.

Cir sah dem Älteren auf die rechte Hand. Sie tat es, ohne darüber nachzudenken; sie tat es seit zwölf Jahren bei jedem Fremden. Eine breite Hand, Schwielen vom Schaft, ein abgekauter Daumennagel. Sonst nichts. Sie sah wieder in sein Gesicht und begann zum zweiten Mal zu erklären.

Sechster in der Schlange stand ein Mann, der als Einziger keinen Schritt zurückgewichen war.

Dylan Marlow hatte in zwanzig Jahren Hafen Schlimmeres gesehen als eine Spinne mit Messingplättchen. Er hatte gesehen, wie Sahuagin eine Ankerkette heraufkamen, wie ein Kraken einem Walfänger den Mast brach, wie ein betrunkener Bootsmann mit einem Kaltblut-Aal in der Hand die halbe Schenke im Midnight Sun leerte. Eine Spinne, die neben ihrer Herrin stand und sich nicht rührte, war ein Tier mit Mannschaftsdisziplin. Er respektierte das.

Was ihn mehr beschäftigte, war der Boden.

Dritter Tag an Land. Sein Gang stimmte noch immer nicht. Er setzte die Füße zu breit auf, weil sein Körper einen Seegang erwartete, den es hier nicht gab, und nachts wachte er auf, weil sich nichts bewegte. Von der Anhöhe vor der Brücke aus hatte er sich am Mittag umgedreht, um den Horizont zu suchen, wie er es sein Leben lang getan hatte, und da war keiner gewesen. Nur Hügel, die sich vor Hügel schoben. Zum ersten Mal wusste er nicht, in welcher Richtung das Wasser lag.

Er war ein Tiefling, und man sah es ihm an, wenn man genau hinsah: der Glanz in den Augen, der im Schatten nicht ganz verschwand, die Haut einen Ton zu warm, ein Hauch von Schwefel, den kein Seewind je ganz fortgetragen hatte. Die meisten sahen nicht genau hin. Sie sahen einen breiten Mann im abgetragenen Kapitänsrock mit einem Gesicht, das es gewohnt war, Befehle zu geben, und sie machten ihm Platz.

In seiner Innentasche steckte eine Abschrift aus dem Frachtbuch eines Antiquitätenhändlers im Hafenviertel von Tiefwasser. Vier Zeilen, für die er zwei Golddrachen bezahlt hatte, die er nicht besaß. Karren vierzehn. Fuhrbetrieb Sohl. Abfahrt durchs Südtor.

Daneben lag ein Brief von Kelsey Vane, seiner Ersten Maat. Er handelte vom Wetter, von einer Katze, die ihr zugelaufen war, und vom Preis für Kohlen am Fischtor. Kein Wort vom Fluch. Kein Wort davon, dass sie jeden Morgen zusah, wie die Schiffe ausliefen, ohne je wieder eines betreten zu dürfen. Kein Wort davon, dass sie ihm die Schuld gab. Das war schlimmer, als wenn sie es getan hätte.

Dylan sah den umgekippten Nusskarren an, dann die Gardisten, dann den Torbogen. Er rechnete. Zwanzig Schritt Stau, ein Ochsengespann quer, ein Mann weggelaufen, ein Mann am Schwert. Wenn der Alte zog, würde die Spinne springen, und dann würde jemand sterben, und dann würde das Tor für den Rest des Tages geschlossen. Karren vierzehn stand vielleicht keine dreihundert Schritt hinter dieser Mauer.

Er trat aus der Reihe.

Fenwick Zinnfaden stand nicht in der Schlange. Er saß daneben auf einem Prellstein, die Laute vor der Brust, die Beine baumelnd, weil der Stein für einen Gnom zu hoch war, und betrachtete das Geschehen mit dem stillen Vergnügen eines Fachmanns.

Fünfzig Jahre war er alt, was für einen Gnom bedeutete, dass er gerade erst aufgehört hatte, von den Älteren „der Junge“ genannt zu werden. Er trug einen Mantel in drei Grüntönen, von denen keiner zu den anderen passte, und einen Hut, an dem eine Möwenfeder steckte. Die Laute war zu groß für ihn. Das war Absicht. Niemand verdächtigt einen Mann, der offensichtlich nicht spielen kann.

Er spielte tatsächlich nicht gut. Er hatte es als Kartograf versucht, wie seine Mutter, und war daran gescheitert, dass er sich für Wege nur interessierte, solange niemand anderes sie kannte. Er hatte es als Barde versucht und war daran gescheitert, dass ihm das Publikum gleichgültig war, solange es seine Taschen nicht im Auge hatte. Was übrig blieb, war ein Beruf, über den man nicht sprach.

Er sah die drei Kinder, die die Winternüsse einsammelten. Nicht für die Besitzerin. Er sah, wie das kleinste zwei Hände voll in die Schürze des größten schob und das größte die Schürze an der Ecke zuband. Gut gemacht. Er sah den jungen Gardisten zurücklaufen. Er sah den Tiefling aus der Reihe treten, und er sah die Halbelfe, die zum dritten Mal erklärte, und er sah, dass sie verlieren würde.

Fenwick hatte nicht vor, sich einzumischen. Sich einzumischen war eine Gewohnheit von Leuten mit Grundbesitz.

Andererseits stand er seit einer halben Stunde hier, und er wollte in die Stadt.

Der vierte, der an diesem Tag ans Südtor kam, ging an der Schlange vorbei, wie er es sein Leben lang getan hatte.

Jespar von Dornfeld war neunzehn und kannte diesen Weg, seit er reiten konnte. Vier Stunden von Gut Dornfeld nach Daggerford, rechts der Hang, auf dem im Herbst die Lesekarren standen, links der Graben, in den er mit elf gefallen war. Er hatte den Weg hundertmal zurückgelegt, immer mit einem Ziel und immer mit einer Rückfahrt.

Heute nicht.

Er trug einen dunkelblauen Reisemantel, ein Rapier an der Hüfte und in der Satteltasche eine einzelne Flasche Nachtrot aus dem Jahr seiner Geburt. Daneben lag ein Brief seiner Mutter. Er hatte vier Sätze, und keiner davon war eine Anrede. Elisabeth von Dornfeld war in der Nacht verschwunden, in der der alte Weinkeller brannte, und am Morgen danach hatte sein Vater ihm in sehr höflichen Worten erklärt, dass es für alle Beteiligten das Beste sei, wenn er eine Weile reiste. Für den Familienhandel. Um etwas von der Welt zu sehen.

Jespar hatte verstanden, was gemeint war. Er war ein zweiter Sohn ohne Erbe, zu gebildet für die Knechte, zu unruhig für die Verwaltung, zu respektlos für den Hof, und seit jener Nacht im Keller, seit dem schwarzen Stein mit den roten Linien, war er außerdem etwas, über das man im Haus Dornfeld nicht sprach.

Er ritt bis an den Torbogen, saß ab und reichte die Zügel einem Jungen, der ihm nicht gehörte.

„Jespar von Dornfeld“, sagte er zum Gardisten, freundlich, mit dem halben Lächeln, das bei Torwachen seit jeher genügt hatte. „Ich habe Geschäfte im Kontor. Unser Wein wird heute verladen.“

Der Gardist sah ihn an, sah die Spinne an, sah wieder ihn an.

„Hinten anstellen.“

Jespar blinzelte. „Ich glaube, Ihr habt mich nicht verstanden. Dornfeld. Wir beliefern den Herzog.“

„Und ich hab hier vorne eine Spinne, junger Herr. Hinten anstellen.“

Es war das erste Mal in seinem Leben, dass sein Name an diesem Tor nichts galt. Es stand ihm ins Gesicht geschrieben, und er wusste es, und das machte es nicht besser.

Was dann geschah, hätte keiner der vier später in derselben Reihenfolge erzählt.

Dylan erreichte den Nusskarren und stemmte ihn mit einem Ruck aus dem Graben zurück auf die Räder, eine Bewegung, die er tausendmal an Fässern und Ladebäumen geübt hatte. Der Ochse hörte auf zu brüllen. Die Leute dahinter hörten auf zu drängen.

Jespar fand sein Lächeln wieder, und mit ihm eine Strategie. Wenn sein Name nicht reichte, dann vielleicht der Name eines anderen. Er wandte sich an Cir, als wären sie alte Bekannte, verbeugte sich mit der Präzision, die seine Mutter ihm beigebracht hatte, und sagte laut genug, dass die halbe Schlange es hörte: „Meine Dame, verzeiht die Verspätung. Ich sehe, Ihr habt die Gardisten bereits mit Eurer Begleiterin bekannt gemacht.“

Cir starrte ihn an. Sie hatte diesen Menschen nie gesehen.

„Spiel mit“, sagte Jespar sehr leise, ohne das Lächeln zu verlieren.

Cir spielte nicht mit. Sie wusste nicht, wie. Sie hatte bei einer Druidin der Eldath gelernt, Fährten im Schlick zu lesen und still zu sein, nicht, wie man mit Menschen redet, die das Gegenteil von dem meinen, was sie sagen. Sie tat stattdessen, was sie konnte. Sie ging in die Hocke, legte die Stirn an den Panzer der Spinne und sprach mit ihr.

Es war kein Elfisch und kein Alzhedo, und es klang für die Umstehenden nach nichts, was eine Kehle hervorbringen sollte: ein Klicken, ein Wispern, ein trockenes Rascheln wie von Schilf. Für Khielmar war es mehr. Der Zauber, den Nasrin ihr am Sumpfrand beigebracht hatte, öffnete für einige Minuten eine Tür zwischen zwei Arten von Verstand, und durch diese Tür ging, was Worte nicht konnten. Ruhig. Sie haben Angst. Angst macht Menschen dumm. Wir warten.

Khielmar senkte den Leib noch tiefer, bis ihr Panzer fast im Staub lag. Die Beine zogen sich ein. Die Plättchen hörten auf zu klirren.

Der ältere Gardist nahm die Hand vom Schwert.

Und genau in diesem Augenblick, in dem die Sache sich hätte beruhigen können, krabbelte eine zweite Spinne über die Torschwelle.

Sie war kleiner als Khielmar, aber nicht viel. Sie war tiefschwarz, mit einem roten Zeichen auf dem Hinterleib, das ein wenig aussah wie eine Sanduhr und ein wenig wie ein grinsendes Gesicht, und sie lief geradewegs zwischen den Stiefeln des Gardisten hindurch.

Der Mann sprang einen Schritt rückwärts gegen den Torpfosten und fluchte bei Tyr, Helm und einem dritten Gott, dessen Name in der Aufregung verloren ging. Die Spinne hielt an, drehte sich um, hob zwei Vorderbeine wie zum Gruß – und war fort. Nicht weggelaufen. Fort. Nur ein Flimmern in der Luft, wo sie gestanden hatte.

Auf dem Prellstein schlug ein Gnom einen einzelnen falschen Akkord auf seiner Laute und machte ein unschuldiges Gesicht.

Einen Herzschlag lang war es vollkommen still am Südtor. Dann lachte jemand in der Schlange, und dann lachten alle, auch die Frau, deren Nüsse in einer fremden Schürze steckten, und der Gardist stand am Torpfosten, hochrot im Gesicht, und wusste nicht, wen er zuerst anschreien sollte.

Sherlen Speerschlägerin kam, als das Lachen gerade abebbte.

Sie war eine große, hagere Frau mit grauem Zopf und dem Gang von jemandem, der gelernt hat, dass sich die meisten Probleme lösen, wenn man nur langsam genug auf sie zugeht. Hinter ihr trabte der junge Gardist. Sie blieb vor Khielmar stehen, sah auf das Tier hinunter, dann auf Cir, dann auf den Tiefling, den jungen Adligen und den Gnom auf dem Prellstein, der plötzlich sehr mit dem Stimmen seiner Laute beschäftigt war.

„Wer von euch“, fragte sie, „ist für die zweite Spinne verantwortlich?“

Niemand antwortete.

„Dachte ich mir.“ Sie wandte sich an Cir. „Deine?“

„Meine. Khielmar.“

„Frisst sie Menschen?“

„Nein.“

„Hunde?“

Cir zögerte. „Nicht, wenn sie satt ist.“

Sherlen nickte, als hätte sie die ehrlichste Antwort des Tages bekommen, und vermutlich hatte sie das. Sie zog aus ihrer Gürteltasche ein Stück Pergament, einen Kohlestift und ein zusammengelegtes Tuch in den Farben der Stadt, Blau und Gold. „Duldungsschein. Das Tier trägt ein Geschirr, wenn es durch die Straßen geht, und dieses Tuch, gut sichtbar, damit jeder Narr mit einer Mistgabel weiß, dass es unter dem Schutz der Miliz steht. Es geht nicht allein. Es geht nicht nach Einbruch der Dunkelheit. Es betritt keine Schenke und keinen Tempel. Wenn es irgendjemandem etwas tut, ist es tot, und du zahlst den Schaden. Verstanden?“

„Verstanden.“

Cir knotete das Tuch selbst um den Panzer, an der Stelle, wo es am besten zu sehen war. Khielmar ließ es geschehen, mit dem Ausdruck stiller Duldung, den nur Wesen ohne Gesicht zustande bringen.

Sherlen unterschrieb, reichte den Schein weiter und trat beiseite. Dann sah sie Fenwick an.

„Und du“, sagte sie, „zauberst in meiner Stadt keine Spinnen mehr zwischen die Beine meiner Leute.“

„Ich?“, sagte Fenwick. „Ich bin Barde.“

„Ich hab dich spielen hören. Rein mit euch.“

Sie gingen zu viert durch den Torbogen, ohne dass einer von ihnen beschlossen hatte, zu viert zu gehen. Hinter ihnen setzte sich die Schlange wieder in Bewegung. Vor ihnen lag Daggerford: eine schmale Hauptstraße zwischen Fachwerkhäusern, der Geruch nach Brot, Pferdemist und nassem Stein, Händlerrufe vom Marktplatz, und über allem der Turm des Herzogs mit seinem blauen Banner.

Eine Weile sagte keiner etwas.

„Danke“, sagte Cir schließlich, ohne jemanden anzusehen.

„Wofür?“, fragte Jespar. „Mich hat er nicht reingelassen.“

„Sie hat sich nicht bei dir bedankt“, sagte Dylan.

Fenwick zog die Möwenfeder aus dem Hut, betrachtete sie und steckte sie wieder hinein. „Wenn ich mich vorstellen darf. Fenwick Zinnfaden, Spielmann und Kartograf. Fenn, für Leute, die mir Geld schulden.“

„Dylan Marlow.“

„Jespar von Dornfeld. Ich muss zum Kontor am Südmarkt. Unser Wein wird heute verladen.“

„Kontor am Südmarkt“, wiederholte Dylan langsam. „Fuhrbetrieb Sohl?“

Jespar hob die Augenbrauen. „Ihr kennt ihn?“

„Ich kenne einen seiner Karren.“

Cir zog den abgerissenen Anschlag aus dem Gürtel und hielt ihn hoch. Fuhrbetrieb beim Südtor.

Fenwick sah von einem zum anderen und lächelte, wie er lächelte, wenn sich ein Schloss leichter öffnete als erwartet. „Was für ein Zufall“, sagte er. „Ich wollte auch gerade dorthin.“

Das war gelogen. Aber es wurde in derselben Stunde wahr.

Kapitel 2 · Das Kontor

Das Kontor des Fuhrbetriebs Sohl stand mit dem Rücken zur Stadtmauer, keine dreihundert Schritt vom Südtor entfernt. Es war ein langes, niedriges Haus aus Feldstein mit einem Hof davor, auf dem Karren in zwei Reihen standen wie Pferde in einem Stall, jeder mit einer aufgemalten Nummer am Kasten. Ein Lagerschuppen, eine Remise, ein Brunnen, eine Waage aus Eichenholz, an der zwei Knechte gerade Wollballen auswogen. Über der Tür hing ein Schild mit einem Rad und einem Peitschenstiel.

Dylan blieb am Hoftor stehen und zählte die Nummern. Elf, zwölf, fünfzehn, siebzehn. Vierzehn war nicht darunter.

„Unterwegs“, sagte er halblaut. „Oder verkauft. Oder abgebrochen und zu Brennholz gemacht.“

„Was suchst du?“, fragte Cir.

Er sah sie an, und einen Augenblick lang schien er zu überlegen, ob er antworten sollte. Dann zuckte er mit den Schultern. „Etwas, das jemand verkauft hat, der es nicht hätte verkaufen dürfen.“

Mehr sagte er nicht, und Cir fragte nicht weiter. Sie verstand Menschen, die nicht weiterredeten, besser als solche, die es taten.

Auf dem Hof stand ein Karren, dessen Fässer Jespar schon von weitem erkannte. Das Brandzeichen am Boden, Bordeaux auf Tiefblau, ein Weinstock unter einem Torbogen. Der Fuhrmann, der danebenstand und einem Knecht beim Aufladen zusah, war derselbe, der ihn am Morgen auf der Landstraße gegrüßt hatte.

„Junger Herr!“, rief er. „Hab ich’s doch gesagt, dass wir uns sehen.“

„Hast du“, sagte Jespar. Er sah zu den Fässern hinüber, und etwas in seinem Gesicht wurde stiller. „Ich sehe mir die Verladung an. Mein Vater wird wissen wollen, dass alles seine Ordnung hat.“

Das war die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte lag in einem Geschäftsbuch im Arbeitszimmer seines Vaters, auf das er vor drei Jahren einen einzigen Blick hatte werfen können, bevor man es ihm aus der Hand nahm. Wiederkehrende Zahlungen, sechs Generationen lang, an einen Empfänger, dessen Name jedes Mal ausgelöscht war. Und jedes Jahr, mit der ersten Lese, ein Krug, der irgendwohin ging. Der Bund bleibt.

Fuhrleute führten Listen. Kontore führten Bücher. Wenn ein Krug Nachtrot jedes Jahr irgendwohin fuhr, dann fuhr er durch dieses Tor.

„Geht schon vor“, sagte er zu den anderen. „Ich komme nach.“

Khielmar musste draußen bleiben. Das stand nicht auf Sherlens Schein, aber es stand in den Gesichtern der Knechte, die beim Anblick der Spinne ihre Wollballen fallen ließen und rückwärts in den Lagerschuppen gingen. Einer von ihnen griff nach einer Mistgabel, ließ sie wieder los, griff wieder danach. Ein anderer sprach so schnell ein Gebet an Chauntea, dass die Göttin vermutlich nur jedes dritte Wort verstand.

Cir führte Khielmar an den Brunnen und hockte sich neben sie. Hier. Warte. Die Spinne faltete sich zusammen, und das Tuch in den Farben der Stadt lag auf ihrem Rücken wie eine Satteldecke. Cir blieb noch einen Augenblick bei ihr, eine Hand auf dem Panzer, und spürte, wie das Tier die Erschütterungen des Hofes las: zwölf Menschen, zwei Pferde, ein Hund unter der Remise, der sich nicht hervortraute.

„Sie frisst den Hund nicht“, sagte sie laut zu niemand Bestimmtem.

Niemand wirkte beruhigt.

Der Kontorraum war eng, warm und roch nach Tinte, Talg und Pferdedecken. Hinter einem Pult saß ein Schreiber mit Ärmelschonern, an der Wand hingen Frachtlisten und eine Karte der Trade Way von Tiefwasser bis Baldurs Tor, auf der jemand den Nebelwald mit roter Kreide schraffiert hatte. In einem Lehnstuhl am Fenster saß der Mann, dem all das gehörte.

Garrek Sohl war um die fünfzig, gut gekleidet ohne Prunk, mit dem runden, freundlichen Gesicht eines Mannes, der gelernt hat, dass man mit Freundlichkeit mehr Fracht bewegt als mit Drohungen. Er hatte ein Ohr für Zahlen und ein Auge für Menschen, und er musterte die drei, die da in seinen Kontorraum kamen, mit beidem zugleich.

Eine Halbelfe mit Bogen und südlichem Gesicht. Ein Tiefling im Kapitänsrock. Ein Gnom mit einer Laute, die größer war als sein Mut aussah.

„Ihr seid wegen des Anschlags hier“, sagte er. Es war keine Frage.

Cir legte den Zettel auf das Pult. Sohl warf einen Blick darauf und nickte. „Den hab ich bis Baldurs Tor hängen lassen. Freut mich, dass er gelesen wird. Die Orks im Nebelwald haben uns diesen Winter drei Karren aufgemacht. Ein Fuhrmann tot, zwei Pferde, Ware für vierhundert Drachen. Ich brauche Leute, die schießen können und nicht weglaufen.“

„Ich kann schießen“, sagte Cir.

„Das glaube ich dir.“ Er sah zum Fenster, durch das man Khielmar am Brunnen sehen konnte, und zu den Knechten, die sich hinter dem Schuppen versteckten. „Und weglaufen tut mit dem Tier an deiner Seite vermutlich jemand anderes.“

Cir sah ihm ins Gesicht und wartete auf das Aber. Es kam nicht.

„Was ist mit Euch?“, fragte Sohl den Tiefling.

Dylan hätte die Wahrheit sagen können: dass er nicht wegen des Anschlags hier war, sondern wegen Karren vierzehn, wegen eines Halsreifs aus schwarzem Silber mit neun Perlen, der in Tiefwasser verkauft und mit diesem Karren nach Süden gefahren war. Er rechnete kurz. Ein Mann, der Fragen nach seinen Karren hörte, würde sich fragen, warum. Ein Mann, der einem bezahlten Begleitschutz etwas über seine Karren erzählte, tat es nebenbei, beim Bier, auf dem Bock.

„Ich habe zwanzig Jahre Mannschaften geführt“, sagte er. „Auf See. Ich weiß, wie man eine Ladung beisammenhält, wenn jemand sie haben will.“

„Auf See“, wiederholte Sohl.

„Der Nebelwald wird nicht viel nasser sein als die Schwertküste im Herbst.“

Sohl lachte, kurz und echt. Dann sah er Fenwick an.

„Spielmann“, sagte Fenwick. „Kartograf. Unterhaltung für lange Fahrten. Ich kenne außerdem jede Abkürzung zwischen hier und dem Nebelwald, die nicht auf Eurer Karte steht.“

Das war ebenfalls gelogen. Aber Sohl gefiel es, und das war, was zählte.

Sie einigten sich schneller, als Cir es je erlebt hatte. Begleitschutz für die nächste Fahrt nach Süden, die Handelsstraße hinab bis zum alten Grenzstein am Nebelwald, wo die Fuhrleute aus Baldurs Tor die Ladung übernahmen, und zurück. Zwei Tage hin, zwei zurück. Ein Drachen am Tag für jeden, Verpflegung auf dem Bock, ein Bonus für jeden Karren, der vollständig ankam. Abfahrt übermorgen bei Sonnenaufgang, sobald der Dornfelder Wein verladen war. Sohl ließ den Schreiber die Namen eintragen und die Bedingungen vorlesen, und Dylan hörte genau zu, wie er auch bei einer Heuer zugehört hätte, und nickte an den richtigen Stellen.

Als sie fertig waren, kam Jespar herein, Staub von den Fässern am Mantel.

„Ah“, sagte Sohl und stand zum ersten Mal auf. „Der junge Herr von Dornfeld. Euer Vater hat seinen Wein pünktlich geschickt. Wie immer.“

„Wie immer“, sagte Jespar. „Ich hätte eine Bitte. Ich würde gern einen Blick in Eure Frachtbücher werfen. Die Lieferungen von Dornfeld der letzten Jahre. Wer was bekommen hat.“

Sohls Lächeln blieb, aber es veränderte sich, so wie sich das Licht auf einem Teich verändert, wenn darunter ein Fisch vorbeizieht.

„Die Bücher meiner Kunden zeige ich nicht einmal meinen Kunden“, sagte er. „Euer Vater weiß das. Er hat es selbst so gewollt.“

„Mein Vater“, sagte Jespar, „will viele Dinge.“

„Dann fragt ihn.“

Jespar lächelte zurück, und für einen Augenblick standen sich die beiden Männer gegenüber wie zwei Fechter, die beide wissen, dass keiner von ihnen heute zustechen wird. Dann wandte sich Jespar ab, mit einer Verbeugung, die eine Spur zu tief war, um höflich zu sein.

Fenwick, der neben dem Pult stand und so tat, als betrachte er die Karte an der Wand, hatte inzwischen andere Dinge bemerkt. Dass das Hauptbuch in der rechten Lade des Pultes lag und die Lade kein Schloss hatte, nur einen Riegel. Dass der Schreiber den Schlüssel zum Hinterzimmer an einer Schnur um den Hals trug. Dass das Fenster zum Hof einen Laden hatte, aber keinen Haken, und dass der Riegel der Hoftür von außen mit einer Messerklinge zu heben war, wenn man klein genug war, um sich in den Türrahmen zu drücken.

Er bemerkte das alles, ohne es bemerken zu wollen. Es war eine Gewohnheit.

Draußen auf dem Hof standen sie wieder zu viert beisammen, Khielmar am Brunnen in ihrer Mitte, und auf dem Gesicht jedes Einzelnen lag dieselbe Miene: Man war in Daggerford angekommen, man hatte eine Arbeit, und keiner wollte sagen, warum er wirklich hier war.

„Ein Drachen am Tag“, sagte Dylan. „Das ist nicht schlecht.“

„Das ist schlecht“, sagte Fenwick. „Aber es ist besser als nichts.“

„Er hat nicht nach Khielmar gefragt“, sagte Cir. Sie klang, als könne sie es selbst noch nicht glauben.

Jespar sah zum Kontorfenster zurück. „Er hat nach gar nichts gefragt“, sagte er. „Das macht mir Sorgen.“

Kapitel 3 · Die Frohe Kuh

Der Mann, der sie am Ende des Hofes erwartete, hatte keinen Grund, dort zu stehen, und tat es trotzdem mit großer Selbstverständlichkeit.

Er war schmal und um die sechzig, mit einem Spitzbart, der früher einmal schwarz gewesen sein musste, und einem Gewand in einem Gelb, das an einem anderen Mann lächerlich ausgesehen hätte. An ihm sah es aus wie eine Entscheidung. In seinem Gürtel steckte ein Messer mit einem Griff aus gelbem Horn. Die Leute in Daggerford nannten ihn danach, und er ließ sie.

„Delfen Ondabarl“, sagte er und neigte den Kopf. „Hofmagier Seiner Gnaden des Herzogs. Ihr verzeiht, dass ich Euch auflauere. Ich habe von der Sache am Südtor gehört. Die halbe Stadt hat davon gehört. Eine Spinne, ein Seemann, ein Adliger und eine Illusion, die einen gestandenen Gardisten gegen einen Torpfosten getrieben hat.“ Sein Blick blieb einen Augenblick zu lange auf Fenwick liegen. „Ich dachte mir, Leute, die so etwas fertigbringen, haben vielleicht einen Nachmittag für mich übrig.“

„Wofür?“, fragte Dylan.

„Für einen Einkauf.“

Jespar kannte ihn. Jeder in Daggerford kannte Delfen, aber Jespar hatte ihm vor einem Jahr gegenübergesessen, in einem Turmzimmer voller Bücher, und zugesehen, wie der Magier mit gerunzelter Stirn versuchte, die Kräfte einzuordnen, die seit dem Keller in ihm steckten. Delfen hatte es nicht vermocht. Er hatte nur einen Satz gesagt, den Jespar seither nicht losgeworden war: Nicht jeder Pakt wurde von dem geschlossen, der später seinen Preis bezahlt.

Wenn Delfen ihn jetzt wiedererkannte, ließ er es sich nicht anmerken.

„In der Frohen Kuh“, sagte der Magier, „an der Ecke zum Flusstor, gibt es eine Wirtin namens Yalanna. Sie besitzt eine Karte. Eine alte Karte, ein Familienstück. Ich möchte sie kaufen. Sie will sie mir nicht verkaufen. Sie hat mich, um genau zu sein, vor vier Jahren aus ihrem Haus geworfen, und ich fürchte, sie würde es wieder tun.“

„Und wir sollen sie für Euch kaufen“, sagte Fenwick.

„Ihr sollt sie fragen. Höflich. Hundert Drachen für Euch, wenn sie verkauft. Was sie für die Karte verlangt, zahle ich ohnehin.“

„Was ist auf der Karte?“

Delfen lächelte, und es war das Lächeln eines Mannes, der zu oft recht gehabt hat und jedes Mal zu spät. „Etwas, das ich gern neben etwas anderes legen würde.“

Mehr sagte er nicht. Er nahm einen Beutel aus dem Ärmel, legte ihn Dylan in die Hand, weil Dylan der war, der am meisten nach Rechnungen aussah, und ging davon, das gelbe Gewand wie eine Fahne hinter sich.

„Ein Hofmagier“, sagte Dylan und wog den Beutel. „Der eine alte Frau nicht selbst fragen kann.“

„Er hat sie gefragt“, sagte Cir. „Sie hat Nein gesagt.“

„Dann ist er ein Hofmagier, der kein Nein hört.“

„Er ist ein Hofmagier, der weiß, dass er etwas falsch gemacht hat“, sagte Jespar leise. „Das ist etwas anderes.“

Die Frohe Kuh war ein Eckhaus aus altem Stein mit einem Obergeschoss aus Fachwerk, das sich über die Jahrhunderte ein wenig zur Straße hin geneigt hatte, als lausche es. Über der Tür hing ein verwittertes Schild, auf dem eine rotbunte Kuh mit einem Kranz um den Hals zufrieden einen Krug betrachtete. Drinnen war es dunkel, warm und voller Rauch. Ein großer Kamin aus Feldstein nahm die ganze Rückwand ein. Auf den Tischen standen Krüge, auf den Bänken saßen Fuhrleute, Fischer und ein paar Söldner, und ein Schankbursche mit Sommersprossen trug Bier und Brot durch das Gedränge, ohne je etwas zu verschütten.

Khielmar blieb draußen. Das stand auf Sherlens Schein. Cir setzte sie in den Schatten der Hauswand, an der Seite zum Fluss, wo nicht viele Leute vorbeikamen, und ließ eine Hand auf ihrem Rücken, bis sie sich zusammengefaltet hatte.

Jespar ging als Erster hinein, und Jespar war es auch, den sie erkannte.

„Bei Chaunteas Kornbart“, sagte eine Stimme vom Ecktisch am Fenster. „Der kleine Dornfeld.“

Sie saß dort wie eine Burg. Yalanna Steinbein-Orr war neunundsiebzig Jahre alt und sah jeden einzelnen davon aus, eine winzige, krumme Frau mit weißem Haar unter einer Haube und Händen, die vom Bierbrauen braun und knotig geworden waren wie Weinstöcke. Ihre Augen aber waren hell und hart und wach. Vor ihr auf dem Tisch lag ein Winkelmaß aus geschwärztem Messing, und sie hatte die Hand darauf gelegt, als könnte es weglaufen.

„Frau Yalanna.“ Jespar verbeugte sich, diesmal ohne jede Ironie. „Ihr erinnert Euch an mich.“

„Was?“

„Ihr erinnert Euch an mich!“

„Natürlich erinnere ich mich an dich, ich bin alt, nicht blöd. Du hast mit acht Jahren meinen Kater in ein Weinfass gesetzt, um zu sehen, ob er schwimmt.“ Sie musterte ihn. „Er konnte. Du nicht, wie ich mich erinnere. Setz dich. Und deine Freunde auch, wenn sie sich benehmen.“

Sie setzten sich.

Es dauerte eine Weile, bis sie verstanden, wie man mit Yalanna sprach. Sie hörte schlecht, und sie hörte vor allem dann schlecht, wenn ihr nicht gefiel, was gesagt wurde. Man musste laut reden, langsam und ohne Umschweife. Fenwick versuchte es mit einer Schmeichelei und bekam ein „Was?“. Dylan versuchte es mit einem Angebot und bekam ein „Lauter!“. Cir sagte gar nichts und bekam einen langen, prüfenden Blick und schließlich ein Nicken, als hätte sie damit eine Frage beantwortet.

Jespar war es, der schließlich das Wort Karte sagte.

Yalannas Hand lag noch immer auf dem Winkelmaß. Sie sah zur Tür, dann noch einmal, dann auf den Kamin.

„Delfen“, sagte sie. „Der hat euch geschickt.“

Niemand widersprach. Es hätte keinen Zweck gehabt.

„Der alte Gelbmesser. Hat er gesagt, warum er sie will?“

„Er will sie neben etwas anderes legen“, sagte Dylan.

Die Wirtin lachte, kurz und trocken wie ein knackender Ast. „Natürlich will er das. Das will er seit elf Jahren.“ Sie schwieg einen Augenblick. Dann stand sie auf, sehr langsam, und winkte ihnen. „Kommt mit. Hinten. Nicht hier, wo jeder Säufer mithört.“

Das Hinterzimmer war klein, mit einem Fenster zum Hof und einem Bett, das so aussah, als würde selten darin geschlafen. Yalanna setzte sich auf einen Schemel und holte unter dem Bett eine Kiste hervor, eine schlichte Kiste aus dunklem Holz mit Eisenbeschlägen, älter als alles andere im Raum.

Darin lag ein zusammengefaltetes Pergament, so alt und so dünn, dass das Licht der Kerze hindurchschien.

Sie faltete es auf dem Bett auseinander. Es war eine Karte. Eine Insel, gezeichnet mit der Genauigkeit von jemandem, der gewohnt war, Maß zu nehmen: sieben Felsnadeln an einer Küste, ein steinerner Bogen mit einem roten Kreuz, Linien, Zahlen, Zeichen. Am Rand ein Vers in einer altertümlichen Schrift, den keiner von ihnen sofort lesen konnte. Und quer über eine zweite, größere Insel im Westen, in Buchstaben, die mit Nachdruck geschrieben waren, ein einziges Wort, das Dylan kannte, weil jeder Seemann an der Schwertküste es kannte und keiner es gern aussprach.

Skadaurak.

„Der Drache“, sagte Dylan leise.

„Was?“

„Der Drache!“

„Ja. Der Drache.“ Yalanna strich mit einem krummen Finger über das Pergament, ohne es zu berühren. „Das hier ist die Karte meiner Familie. Vierhundert Jahre alt. Ein Steinmetz hat sie gezeichnet, Garrec hieß er, ein Zwerg aus der Bruderschaft vom Winkelmaß. Kennt ihr nicht, gibt’s nicht mehr. Waren Bauleute. Gute. Haben für Leute gebaut, für die man nicht bauen sollte.“

Sie erzählte es knapp, in dürren Sätzen, wie man von einer Schuld erzählt, die man nicht selbst gemacht hat, aber trotzdem trägt.

Neunzehn Mann der Bruderschaft waren damals auf eine Insel im Meer der Schwerter gefahren, um dort zu arbeiten. Was sie bauten, wusste niemand mehr genau. Wer sie bezahlte, wusste man sehr wohl, und wer die Karte las, wusste es auch. Ein Versorgungsboot sollte ihren Lohn bringen, ihre Werkzeuge, eine Karte und einen Brief. Das Boot strandete an der Delimbiyr-Mündung, keine Meile von hier. Die Mannschaft überlebte, die Kiste auch. Der Mann, der sie in Empfang nahm, hieß Gorm Steinbein und war Yalannas Ahne.

„Und der ist nicht hingefahren“, sagte Yalanna. „Hat der Gilde gemeldet, das Boot sei mit Mann und Maus gesunken. Hat das Geld behalten. Hat dieses Haus gekauft.“ Sie klopfte mit dem Knöchel gegen die Wand. „Seither steht die Frohe Kuh auf dem Lohn von neunzehn Männern, die auf einer Insel saßen und gewartet haben. Auf ein Boot, das nie kam. Die sind da draußen verreckt. Wahrscheinlich. Ich weiß es, seit ich neunzehn war, und ich hab nie was getan.“

„Ihr Mann“, sagte Cir.

Alle sahen sie an. Es war das erste, was sie gesagt hatte, seit sie das Zimmer betreten hatten. Yalanna sah sie auch an, lange.

„Was?“

„Ihr habt vorhin zur Tür gesehen. Zweimal. Als das Wort Insel fiel.“

Die alte Frau schwieg. Dann nickte sie, langsam.

„Denrec“, sagte sie. „Mein Mann. Böttcher. Ist hingefahren, vor elf Jahren. Mit einem Schiff aus Zauberhaven und vier Leuten, die er im Hafen aufgelesen hat. Sechs Tage hat er vor einem Stein gestanden, der nicht aufging. Kam zurück, hat nie wieder davon gesprochen. Sieben Jahre später ist er gestorben.“ Sie hob das Kinn. „Beim Begräbnis kam Delfen und wollte über die Karte reden. Da hab ich ihn rausgeworfen.“

Niemand sagte etwas. Draußen im Schankraum lachte jemand, ein Krug ging zu Bruch, der Schankbursche fluchte.

„Ich hab noch ein halbes Jahr“, sagte Yalanna. Sie sagte es so nüchtern wie den Bierpreis. „Mein Erbe ist ein Großneffe mit Spielschulden. Wenn ich tot bin, verkauft er die Karte an den Erstbesten, und der Erstbeste fährt hin und stirbt, oder er findet was und behält es. Beides will ich nicht.“

„Was wollt Ihr?“, fragte Jespar.

„Was?“

„Was wollt Ihr!“

„Dass jemand hinfährt, der zurückkommt.“ Ihre hellen Augen gingen von einem zum anderen. „Dass jemand den Hort findet. Und den Lohn heimbringt. Nicht zu mir. Zur Witwenkasse der Steinmetzgilde in Tiefwasser, wo er hingehört. Vierhundert Jahre zu spät, aber wenigstens bevor ich tot bin.“

Sie stellte ihnen drei Fragen, bevor sie weitersprach. Woher sie kämen und wie lange sie blieben. Was das Teuerste sei, das sie je jemandem zurückgegeben hätten. Und wem es gehöre, wenn sie dort draußen etwas fänden, das nicht ihnen gehörte.

Die Antworten fielen verschieden aus, und Yalanna hörte sie sich alle an, nickte bei manchen und machte bei anderen ein Gesicht, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen. Dylan sagte bei der zweiten Frage: „Eine Mannschaft. An ihre Familien. Mit dem letzten Geld, das ich hatte.“ Er sagte es schnell. Yalanna sah ihn eine ganze Weile an und nickte dann ein einziges Mal.

Bei der dritten Frage sagte Cir: „Dem, der dafür bezahlt hat. Mit dem, was er hatte.“

Yalanna lachte nicht.

Am Ende einigten sie sich auf eine Weise, die keinem Vertrag ähnelte, sondern einem Handschlag unter Fuhrleuten. Dreihundert Drachen Reisegeld aus Yalannas Ersparnissen, um ein Schiff zu chartern und Ausrüstung zu kaufen. Was sie fanden, wurde gedrittelt: zwei Teile für die Gruppe, ein Teil für die Witwenkasse. „Darüber wird nicht verhandelt“, sagte Yalanna. „Das liegt schon beim Gildenrat. Wenn ihr’s stehlt, weiß es die halbe Stadt.“

„Und die Karte?“, fragte Fenwick.

Yalanna faltete das Pergament zusammen, sehr sorgfältig, entlang der alten Kniffe, und legte es zurück in die Kiste.

„Ihr dürft sie abzeichnen“, sagte sie. „Heute Abend. Fragen stellen, so viele ihr wollt. Aber sie bleibt bei mir.“ Sie schob die Kiste wieder unter das Bett. „Fünf Silber das Bett, die Zimmer sind oben. Kein Freundschaftspreis. Wer morgen früh noch da ist, mit dem reden wir weiter.“

Sie ging zurück in den Schankraum, das Winkelmaß unter dem Arm, und ließ die vier im Hinterzimmer stehen.

Dylan öffnete Delfens Beutel, zählte die hundert Drachen nach und band ihn wieder zu.

„Was machen wir damit?“, fragte er.

„Wir haben die Karte nicht gekauft“, sagte Jespar.

„Nein“, sagte Fenwick. „Wir haben sie gemietet.“

Kapitel 4 · Nachts im Kontor

Daggerford schlief früh. Kurz nach dem zehnten Glockenschlag waren die Straßen leer bis auf eine Katze, zwei Gardisten mit Laternen und einen Gnom, der sich so dicht an den Hauswänden hielt, dass er selbst ein Teil von ihnen zu sein schien.

Fenwick hatte niemandem gesagt, wohin er ging.

Die anderen hatten ihre Zimmer in der Frohen Kuh bezogen. Dylan lag vermutlich wach und wartete auf einen Seegang, der nicht kam. Jespar saß vermutlich am Fenster und starrte in die Richtung, in der Gut Dornfeld lag, die ungeöffnete Flasche Nachtrot neben sich. Cir hatte sich geweigert, ein Bett zu nehmen, und war mit Khielmar in den Schuppen hinter dem Hof gezogen, wo es nach Heu roch und keine Menschen schliefen.

Fenwick dachte an die rechte Lade im Pult des Fuhrbetriebs Sohl.

Es war nicht seine Sache. Jespar wollte in die Bücher sehen, und Jespar war ein Adliger mit einer Familie, die ihm Geheimnisse vorenthielt, und Geheimnisse von Adelsfamilien waren erfahrungsgemäß teuer und gefährlich. Dylan suchte einen Karren und hatte nicht gesagt, warum. Die Halbelfe sah jedem Fremden auf die rechte Hand, als suche sie dort etwas, und auch das hatte niemand erklärt.

Fenwick hatte nur gesehen, dass das Hauptbuch in einer Lade ohne Schloss lag. Und er hatte vierzehn Jahre lang eine Messingkapsel im Futter seines Lautenkastens getragen, mit einem Brief darin, der mitten im Satz abbrach, und gelernt, dass man jeden Raum betreten sollte, in dem Listen geführt werden. Man wusste nie, welcher Name darauf stand.

Das Hoftor des Kontors war verschlossen, aber die Mauer daneben hatte Fugen, und Gnome sind leicht. Fenwick kletterte hinüber, ließ sich zwischen zwei Karren hinab und blieb im Schatten von Nummer zwölf hocken, bis sich sein Atem beruhigt hatte.

Der Hof lag still. Kein Licht im Kontor, keins im Schuppen. Ein Pferd schnaubte in der Remise. Der Hund, der sich am Nachmittag vor Khielmar versteckt hatte, lag vermutlich wieder unter der Remise und träumte von Spinnen.

Er huschte zur Hoftür. Der Riegel saß, wo er ihn vermutet hatte. Fenwick zog ein dünnes Messer aus dem Stiefel, drückte sich in den Türrahmen, so klein er konnte, und schob die Klinge durch den Spalt. Ein Ruck nach oben, ein Ruck zur Seite. Der Riegel hob sich mit einem Geräusch, das in seinen Ohren klang wie ein Glockenschlag und in Wirklichkeit kaum lauter war als eine Maus.

Drinnen roch es nach Tinte und kalter Asche. Fenwick ließ die Tür einen Fingerbreit offen, wartete, bis seine Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten, und schlich zum Pult.

Die rechte Lade glitt auf.

Er hatte das Hauptbuch schon in der Hand, schwer und in Leder gebunden, als er den Faden bemerkte. Er war dünn wie ein Haar und quer über den Boden der Lade gespannt, und das eine Ende verschwand in einem winzigen Loch in der Rückwand. Er war nicht zerrissen. Er war gespannt worden, als die Lade aufging.

Irgendwo im Hinterzimmer fiel etwas Kleines, Metallenes zu Boden. Dann begann eine Glocke zu läuten.

Es war keine große Glocke. Es war eine Schelle, wie man sie an Ladentüren hängt, aber sie hing an einem Federwerk, und das Federwerk ließ sie schlagen und schlagen, hell und schrill und unaufhörlich, und unter der Remise fing der Hund an zu bellen, und oben im Obergeschoss des Kontors, wo Fenwick niemanden vermutet hatte, polterte ein Schemel um.

„Diebe!“, brüllte eine Stimme. „Diebe auf dem Hof!“

Fenwick tat drei Dinge, und er tat sie so schnell, dass er später selbst nicht mehr sagen konnte, in welcher Reihenfolge.

Er ließ das Hauptbuch zurück in die Lade fallen. Er griff nach dem, was darunter gelegen hatte und was er im ersten Augenblick für ein loses Blatt gehalten hatte, ein zusammengefaltetes Papier mit einem Wachssiegel, und schob es in sein Hemd. Und er sprach die drei Silben, die seine Mutter ihm beigebracht hatte, als er ein Kind war, damals noch zum Spaß, um Erwachsene zu erschrecken.

Als der Schreiber mit Ärmelschonern und Nachthemd und einer Laterne in der einen und einem Knüppel in der anderen Hand die Treppe herunterkam, sah er im Kontorraum niemanden. Er sah nur die offene Hoftür. Und draußen auf dem Hof sah er einen kleinen Mann in einem dreifarbig grünen Mantel, der zwischen den Karren auf das Hoftor zurannte.

Der Schreiber rannte hinterher. Der Hund rannte hinterher. Zwei Knechte stolperten aus dem Schuppen und rannten auch hinterher. Der kleine Mann erreichte das Hoftor, sprang, und war fort, wie die Spinne am Südtor fort gewesen war, ein Flimmern in der Laternenluft und dann nichts.

Der echte Fenwick lag zu diesem Zeitpunkt flach unter Karren Nummer siebzehn, das Gesicht im Stroh, und hielt die Luft an.

Er wartete, bis der Schreiber fluchend zurückkam. Bis die Knechte ins Bett geschickt worden waren und der Hund wieder unter die Remise gekrochen war. Bis die Glocke ausgeläutet hatte, das Federwerk abgelaufen war und im Obergeschoss das Licht erlosch. Er wartete noch eine Weile länger, weil er wusste, dass die meisten Diebe genau in diesem Moment gefasst werden, wenn sie glauben, es sei vorbei. Dann kroch er unter dem Karren hervor, schlich zur Mauer und kletterte hinüber, langsam diesmal, Fuge für Fuge.

Auf der anderen Seite blieb er sitzen. Seine Hände zitterten. Das taten sie sonst nie.

Er las den Brief nicht sofort.

Er trug ihn durch die schlafende Stadt zurück zur Frohen Kuh, in seinem Hemd, wo er das Papier bei jedem Schritt auf der Haut spürte, und erst als er im Schatten des Schuppens hinter dem Gasthaus stand, wo es nach Heu roch, zog er ihn hervor.

Das Siegel war kalt und hart. Im Mondlicht konnte er nicht erkennen, was darauf geprägt war.

„Was ist das?“

Fenwick fuhr herum. Im Eingang des Schuppens stand Cir, den Bogen in der Hand, einen Pfeil lose auf der Sehne. Hinter ihr, im Dunkel, glänzten acht schwarze Augen.

„Nichts“, sagte Fenwick. „Ein Liebesbrief. Von einer Verehrerin.“

Cir sah ihn an, wie sie am Südtor den Gardisten angesehen hatte. Dann sah sie auf seine Hände. Auf die rechte.

„Du zitterst“, sagte sie.

Fenwick sah auf das Papier hinunter. Dann brach er das Siegel.

Ende des ersten Buches. Fortsetzung folgt.