Kapitel XII – Der Hof der Vergessenen
Manchmal braucht eine Geschichte eine ruhige Session. Einen Atemzug zwischen Demilichen und dem nächsten Abgrund. Session 14 war das – und dann war es das doch nicht ganz. Ein verlassener Hof, zwanzig tote Goblins, Spinnen hinter einer Tür, und ein Amulett mit einem Pfotenabdruck. Es hört nie wirklich auf.
Mabiques Geschenke und Bruce‘ neues Charisma
Von Mabique hatte jeder einen magischen Gegenstand erhalten – still und ohne großes Aufheben, wie Dinge dieser Art manchmal vergeben werden. Die Gruppe ruhte zwei Nächte in Immersea, und Bruce nutzte die Zeit, um ein Buch für Barden zu lesen. Danach war er charmanter. Das war keine Einbildung. Die Gruppe merkte es sofort.
Für die Lösung des Goblinproblems gab es außerdem einen Lederbeutel mit 100 Gold – bescheiden, aber ehrlich. Dann: Aufbruch nach Euzail, zu Fuß.
Laute, Geschichten und ein Lied über 500 Meilen
Reltis spielte Laute. Bruce erzählte Geschichten und beobachtete, wie die Leute zuhörten – sein neues Charisma war kein Werkzeug, es war einfach da, wie warmes Licht. In einer Wegtaverne ließ sich Capivara von Reisenden von einem Greif erzählen und war sichtlich bezaubert. Halguin versuchte unterwegs, ein paar Purpurdrachen-Soldaten anzusprechen – es klappte nicht besonders. Die Gruppe zog weiter.
Capivara sang ein Lied über einen Mann, der für seine Liebste mehr als 500 Meilen gelaufen wäre. Reltis spielte die Begleitung, jetzt etwas sicherer als zuvor.
Der Baum mit den Blüten
An einer Baumgruppe neben einem fremden Hof blieb die Gruppe stehen. Capivara, Helena und Bruce liefen ins Wasser – versehentlich, nass, unbeeindruckt. Dann stimmte Capivara das Lied „Vorfreude der Treppe endlich erhoben zu werden“ an, und bevor jemand fragen konnte, was das bedeutete, war sie ein Baum.
Reltis sollte raten, welcher Baum seine Schwester war. Er scannte die Baumgruppe. Er überlegte. Er lag falsch. Halguin erkannte sie sofort – sie war der einzige Baum mit Blüten. Reltis sagte nichts.
Helena und Bruce hatten inzwischen etwas anderes entdeckt: merkwürdige Hügel im Gras. Sie gingen näher. Die Hügel waren Goblinleichen, halb von Pflanzen überwachsen, seit Monaten hier.
Helenas verschwundener Rucksack
Die Gruppe schlug ihr Lager zwischen Findlingen auf, abseits vom Hof. Die Nacht war still. Am Morgen war Helenas Rucksack weg. Keine Spuren. Keine Spur von einem Dieb, keinem Tier, keiner Magie – einfach weg. Helena war entsetzt. Die Gruppe suchte. Nichts.
Im Tageslicht erkannten sie erst, wo sie die Nacht verbracht hatten: neben den Ruinen eines alten Hofes, der schon seit geraumer Zeit verlassen war.
Zwanzig tote Goblins und spinnenhafte Zeichen
Der Hof war ein Ort, an dem etwas sehr Schlimmes passiert sein musste – und zwar vor etwa einem halben Jahr. Im Freien, im Stall: 20 bis 25 Goblinleichen, überwachsen, mit Goblin-Symbolen und Brandspuren ringsum. Der verfallene Brunnen in der Hofmitte ließ Capivara einen Moment innehalten – ein kurzer, unerklärlicher Anflug von Angst. Um den Turm: spinnenhafte Symbole, in Stein geritzt oder gemalt.
Reltis versuchte eine Tür aufzuhebeln. Erfolglos. Bruce öffnete sie mit einem Zauber – und sofort kamen große Spinnen heraus. Der Kampf war kurz und schmerzhaft, vor allem für Reltis und Bruce. Sie gewannen.
Schlange auf der kaputten Treppe
Im Haus waren die Türen entweder verriegelt oder gefährlich. Capivara bekam beim Öffnen einer Tür einen elektrischen Schlag, der sie fast umwarf. Reltis versuchte dieselbe Tür – und bekam denselben Schlag. Beide wurden von Helena geheilt. Die Treppe war so morsch, dass Reltis beim ersten Schritt abbrechte.
Capivara verwandelte sich in eine Schlange und glitt lautlos die kaputte Treppe hoch. Halguin zauberte von unten die Obertür auf. Das Zimmer dahinter war verwüstet – ein altes Gesindezimmer, das Dach undicht, alles durchnässt und verfallen.
Die Gruppe rastete im Vorratsraum.
Das Amulett mit dem Pfotenabdruck
Beim Aufräumen – Helena schob Kisten und Körbe beiseite, mehr aus Gewohnheit als aus Erwartung – fand ihre Hand etwas Kaltes und Glattes. Ein Silberamulett. Sie steckte es zunächst ein.
Dann, als alle zusammensaßen und das Licht schlechter wurde, holte sie es heraus und legte es auf den Tisch. Das Amulett zeigte einen Pfotenabdruck.
Niemand hob den Kopf und sah Helena an.
Ein Hof voller toter Goblins. Ein Brunnen, der Angst machte. Symbole, die nach Spinnen aussahen. Ein verschwundener Rucksack ohne Spur. Und jetzt ein Amulett mit einem Pfotenabdruck, gefunden in einem Haus, in dem schon lange niemand mehr gewohnt hatte. Euzail wartete noch. Aber dieser Hof hatte noch nicht alles gesagt.
Ende von Kapitel XII – Session 14
