Kapitel XX – Die Kapelle unter der Stadt
Es gibt eine bestimmte Art von Stille, die man in Kellern findet, die schon länger bewohnt werden als sie sein sollten. Nicht die Stille von Verlassenheit – sondern die Stille von etwas, das auf etwas wartet. Irgendwann hatten die Gänge und Kammern tief unter Suzail aufgehört, nach bloßer Kanalisation auszusehen. Was einmal ein Abwasserdurchgang gewesen war, trug jetzt die unverkennbaren Zeichen absichtlicher Einrichtung: Fallen, die jemand aufgestellt und wieder gewechselt hatte. Patrouillenschritte, die in gleichmäßigen Abständen durch Stein hallten. Und Türen, hinter deren Spalt jemand kurz herauslugte – und sie dann schnell wieder schloss.
Die Gruppe befand sich tief im Herzen eines Sharran-Stützpunkts. Unfertig. Aber aktiv.
Die Truhe, die Frage und die Patrouille
Die Gruppe begann in einem Raum, der die erste dieser unbequemen Fragen aufwarf: War das schon alles? Der Raum enthielt eine Shar-Truhe – aber alles ringsum wirkte seltsam hastig verlassen. Halbfertige Einrichtung, als hätte jemand geplant und dann mitten im Gedanken aufgehört. Waren die Vorbereitungen dieser Zelle bereits abgeschlossen, und die Gruppe hatte nur die Überreste gefunden? Oder war hier tatsächlich noch jemand am Werk?
Die Kirche Shars operiert in streng voneinander getrennten Zellen. Jede Zelle kennt nur ihre eigenen Mitglieder, nur ihren Auftrag. Eine aufgegebene oder halb fertige Zelle bedeutet nicht, dass der Arm dahinter erloschen ist – es bedeutet nur, dass dieser Teil des Plans abgeschlossen oder verschoben wurde. [file:8] Die Frage blieb kurz im Raum hängen. Dann wurden in der Ferne Schritte hörbar – eine Patrouille – und die Gruppe zog weiter.
Fallen, Reflexe und eine geschlossene Tür
Halguin löste eine Bolzenfalle aus. Bruce fing die Bolzen ab. Laut den damaligen Mitschriften: heldenhaft, ohne weiteren Kommentar. Weiter.
Die Gruppe erreichte eine Tür. Halguin klopfte – eine klassische Strategie, die gelegentlich funktioniert. Jemand öffnete den Spalt, sah hinein, und schloss die Tür sehr schnell wieder. Kurz darauf: der Alarm.
Von hinten: Schritte. Von vorne: die Tür öffnete sich erneut.
Zwei Fronten und ein Krieger mit zu viel Rüstung
Der Zweifronten-Kampf war das Gefährlichste, was die Gruppe in dieser Session erlebt hatte – eingekesselt in einem niedrigen Gang, mit Feinden sowohl im Rücken als auch vor sich. Dass die Gruppe dennoch die Oberhand behielt, verdankte sie unter anderem einem glücklichen architektonischen Detail: Der schwer gepanzerte Shar-Krieger in voller Plattenrüstung kam mit den niedrigen Decken schlicht nicht klar. Plattenrüstung in engen Räumen ist ein altbekanntes Problem in der Theorie der Kriegsführung – in der Praxis hier bedeutete es, dass der Mann, der die Gruppe am gefährlichsten bedrohte, gleichzeitig der am stärksten eingeschränkte war.
Tjungard Klingenbrecher boxte die Gegner hart, wie er es meistens tut. Bruce erinnerte sich im entscheidenden Moment wieder, wie eine Druckfalle funktioniert – was entscheidend war, da eine versehentlich ausgelöste Falle zu diesem Zeitpunkt eine deutlich unangenehmere Wirkung gehabt hätte. Am Ende lagen alle Gegner besiegt.
Rast in der Kapelle der Herrin des Verlustes
Hinter der umkämpften Tür lag das Herzstück: eine Kapelle der Shar. Sharran-Kapellen sind in der Regel genau das, was man von einer Göttin der Dunkelheit und der Geheimnisse erwarten würde – dunkel, unmarkiert nach außen, aber innen mit sorgfältiger Liebe zum atmosphärischen Detail eingerichtet. Schwarzer Marmor. Basalt-Altäre. Statuen mit ausgestreckten Armen. [file:8] Diese hier war, wie die Notizen sachlich festhalten, „innenarchitektonisch hübsch eingerichtet“ – ein Urteil, das unter den gegebenen Umständen bemerkenswert gefasst klingt.
Die Gruppe rastete dort. Einen ungestörten Ort zum Rasten zu finden ist unter der Stadt Suzail keine Selbstverständlichkeit, und eine frisch geleerte Shar-Kapelle bietet wenigstens das Vorteil, dass niemand von außen hereinstürmt – zumindest vorübergehend. Ein Gefangener war bei der Gruppe. Er sagte nichts.
Der Alarm als taktische Einladung
Die Gruppe traf eine Entscheidung, die entweder mutig oder leichtsinnig war – oder beides: Sie löste den Alarm absichtlich aus, um zu sehen, wer kommt. Es ist eine Methode, die Sharran-Zellen gegenüber im Vorteil sein kann, da diese ausgebildet sind, auf Alarme zu reagieren und dabei ebenfalls in Gruppen vorzugehen.
Jemand kam. Es gab einen weiteren Kampf. Die Gruppe gewann knapp – was bedeutet, dass es enger war als gewünscht, aber am Ende in die richtige Richtung ging. Ein Assassin und ein Kleriker entkamen. Weitere Flucht durch die Gänge, durch Türen, in die Dunkelheit der Stadt darüber.
Ein weiterer Shar-Anhänger wurde gefangen genommen – der zweite dieser Session.
Die Monks of the Dark Moon und die Kleriker Shars arbeiten unabhängig voneinander, getrennte Befehle, getrennte Zellen, getrennte Loyalitäten. [file:8] Ob der geflohene Assassin zu einer dieser Fraktionen gehörte oder ein freier Diener der Göttin war, blieb unklar. Aber er war weg. Irgendwo in Suzail.
Ablieferung und offene Enden
Beide Gefangene wurden bei den Purpurnen Drachen abgegeben – der Elitetruppe Cormyrs, die ihren Sitz in Suzail hat und deren Aufgabe es ist, die Ordnung im Königreich zu wahren. Ob die Männer redeten, ob sie überhaupt etwas Verwertbares wussten, und ob die Purpurnen Drachen die richtigen Fragen stellen würden: Das blieb offen.
Die Kanalisation war etwas leerer geworden. Der Kult war angeschlagen. Aber der Arm dahinter – wer auch immer die Zelle in Gang gesetzt hatte, wer die Assassinen und Kleriker leitete, wer den Alarm auslöste und sich dann ebenso diskret zurückzog wie er sich eingerichtet hatte – war noch nicht greifbar.
Die Sharran-Zellen Cormyrs nutzen die Intrigen und Rivalitäten der Adelshäuser als Deckmantel. Mindestens eine Adelsfamilie soll so tief in Shars Einfluss verstrickt sein, dass ihre Herrenhäuser geheime Kammern für regelmäßige Blutrituale beherbergen. [file:8] Die Kapelle unter der Stadt war sauber, hübsch eingerichtet – und wahrscheinlich nur eine von mehreren.
Malakars Symbol an den Leichen im Reichenviertel blieb ungeklärt. Der Assassin und der Kleriker waren irgendwo in Suzail. Die Kapelle leer, die Purpurnen Drachen hatten zwei Gefangene, und tief unter der Stadt gab es mit Sicherheit noch mehr Gänge, die die Gruppe noch nicht gesehen hatte.
Ende von Kapitel XX – Session 22
