Kapitel XXI – Das Haus der von Bergens

Kapitel

Es gibt Orte, die man besser nicht betritt. Das Anwesen der von Bergens war so ein Ort – abgesperrt, bewacht, abgebrannt. Und doch führte der einzige Weg nach vorne genau hinein. Was die Gruppe dort fand, war mehr als Ruinen. Es war die Geschichte eines Mannes, der zu weit gegangen war – und am Ende nicht weit genug.

Ein Tag in der Stadt

Bevor es so weit kam, gab es noch einen Tag.

Durch Halguins Kontakte bei den Purpurnen Drachen hatte die Gruppe Quartier in einer Baracke bezogen – keine Burg, aber ein Dach. Tjungard sortierte seine Gegenstände, Halguin studierte sein Zauberbuch, Helena rastete und betete. Dann machten sich Halguin, Tjungard, Ari und Bruce auf, um Beute zu Geld zu machen. Auf dem Weg wurden Tjungard seine Edelsteine gestohlen. Auch Halguin wurde bestohlen, doch Bruce fand das gestohlene Geld in seiner eigenen Tasche. Suzail ließ grüßen.

Der Käufer der Beute war ein Schmiedebetrieb. Halguin kannte dort einen Mitarbeiter – ein kurzes Gespräch entstand, bis Tjungard sich mit seinen Schwertern dazwischenschob und einen Preis erwartete, den er für vollkommen angemessen hielt. Der Käufer war anderer Meinung. Bruce versuchte es mit einer Geschichte. Der Zwerg blieb unbeeindruckt. Am Ende einigte man sich auf 200 Platin, 100 davon bar, sofort, und Tjungard steckte es ein, bevor jemand den Kaufvertrag nochmal lesen konnte.

Der Jahrmarkt

Bruce erzählte auf dem Jahrmarkt Geschichten für Kinder. Halguin begleitete ihn magisch. Am Ende kamen 45 Gold zusammen – ordentlich. 40 Gold davon verteile Bruce direkt wieder. Dann sang ein fremder Barde ein Loblied über Bruce, und danach war er wie gesegnet: Die Leute machten ihm Geschenke, niemand wollte ihn mehr bestehlen. Manche Tage laufen einfach so. Tjungard versuchte sein Glück am Axtwerfen. Bruce kaute ihm das Ohr voll mit gut gemeinten Ratschlägen, die Tjungard aber vollständig ignorierte. Deshalb traf er nicht so gut und am Ende versenkte er eine Menge Geld – der Spaß, den er dabei hatte, war es aber wert. Halguin probierte es ebenfalls, war aber noch schlechter. Letztendlich konnte keiner der Beiden alle drei Äxte versenken – bis Halguin eine Axt in die Zielscheibe zauberte. Die Menge bemerkte dies jedoch. Bruce beruhigte die Lage. Beim „Hau den Lukas“ klingelte Tjungards Glocke mehrfach, bis er Halguin, der ihn magisch vergrößert hatte mit dem letzten Schlag angriff und drohte, sollte Halguin ihn erneut verzaubern. Bruce versuchte anschließend eine Massenschlägerei auszulösen. Das funktionierte ziemlich gut. Die Gruppe verschwand, bevor die Purpurnen Drachen ankamen – Halguin mit einem blauen Auge.

Helena und Ari hatten derweil in der Baracke den jungen Soldaten beim Training zugeschaut. Als die anderen zurückkamen, erklärte Bruce, der Jahrmarkt sei nicht sehr aufregend gewesen.

Ruinen und Wachen

Das Anwesen der von Bergens lag in Trümmern. Abgesperrt, bewacht von Purpurnen Drachen, eine weitere Leiche gemeldet – vermutlich Brandstiftung, flüsterte eine Patrouille, die die Gruppe nicht bemerkte. Suzail sammelte noch immer seine Toten.

Ari kannte einen Geheimgang das Anwesen, welches er einst bewohnte. Die Gruppe betrat das Gelände über das Nachbargrundstück – Helena und Tjungard stolperten eher hinein als hineinzuschleichen. Helena spürte sofort eine dunkle, bedrohliche Präsenz. Auch Ari fühlte, dass sich etwas verändert hatte – als wäre das Haus seiner Kindheit nicht mehr das Haus seiner Kindheit. Ein Alarmzauber lag auf dem Zugang. Helena versuchte ihn zu lösen. Es misslang. Dann sprang der Stein auf, ein Schatten trat aus seinen Rändern – und eine böse Kreatur – ein Morgh – sprang auf die Gruppe zu. Mit vereinten Kräften und den Gebeten von Helena trieb die Gruppe sie zurück und vernichtete sie letztendlich. Die Stadtwache näherte sich. Die Helden betraten schnell den Tunnel.

Unter den Trümmern

Der bekannte Weg war verschüttet. Der andere durch ein Gitter versperrt. Tjungard hatte einen Geistesblitz – und stellte fest, dass seine Schwertscheide als Hebel ungeeignet war. In den Trümmern fand sich nichts Brauchbares. Helena kramte in der Bag of Holding – und wurde fündig. Tjungard entfernte das Gitter und die Gruppe konnte hinabsteigen. Unzählige Ratten. Tjungard und Helena schwer verletzt, Halguin am Boden. Rückzug über die Stufe – und dann: Halguins Feuerball. Die Ratten waren danach kein Problem mehr.

Die Gruft

Was dahinter lag, war schlimmer. Ein Raum mit zwei Gängen, der einmal die Familiengruft der von Bergens gewesen war – jetzt bevölkert von den untoten Verwandten Aris. Die engen Gänge machten den Kampf zäh. Aris himmlisches Bison versperrte einen Weg, sodass die Gruppe erst den zweiten säubern konnte. Helena vertrieb die Untoten, einer nach dem anderen, bis die Gruft wieder ruhig war. Ari sah dabei zu, wie das, was von seiner Familie übrig geblieben war, ein zweites Mal zur Ruhe gelegt wurde. Er sagte nichts.

Dann der Schrei – und eine Geistergestalt, schrecklich und doch von einer seltsamen Anmut. Eine Banshee: eine gequälte Elfenseele, an einen Gegenstand gebunden, unfähig zu ruhen. Halguin vermutete, dass ihr Körper Ruhe brauchte. Die Gruppe fand eine Geheimtür – und dahinter das verborgene Arbeitszimmer von Aris Vater.

Die Banshee

Die Geistergestalt kehrte zurück, während die Gruppe den bindenden Kristall suchte. Helena trieb sie abermals zurück. Es war genug Zeit. Der Kristall zerbrach. Die Gestalt löste sich auf – nicht mit Schmerz, sondern mit etwas, das fast wie Erleichterung aussah.

Wer die Elfenseele war, die Markus von Bergen an diesen Ort gebunden hatte, blieb offen. Dass er es getan hatte, stand nach allem, was die Gruppe noch finden würde, außer Frage.

Das Arbeitszimmer

Ari fand als Erstes eine Laubsägearbeit – ein Kindheitsgeschenk, das sein Vater aufbewahrt hatte. Er hielt es einen Moment länger als nötig, bevor er es wegsteckte. Der Runenkreis an der Wand war das zweite, was auffiel. Halguin erkannte die Muster: dieselben Runen wie im Turm, aus dem Malakar einst geflohen war. Tjungard versuchte sie mit seinem Steinmetzwerkzeug zu zerstören und wurde zurückgeworfen, als hätte ihn ein Blitz getroffen. Die Runen blieben makellos. Bruce versuchte ein Schubfach zu öffnen. Eine vergiftete Nadel – dasselbe scheintote Gift, das Markus von Bergen in seinen Protokollen perfektioniert hatte – traf ihn, bevor er reagieren konnte. Er fiel zu Boden. Ari erkannte das Bild sofort: der Körper lebte, aber schien tot. Ein Vergiftungstyp, den sein Vater selbst entworfen hatte. Helena und Ari konnten ihm nicht helfen. Helena fand die Schlüssel. Zwei Schubfächer, ein Safe. Was darin lag, veränderte alles.

Die Funde

Eine Landkarte – Details noch unbekannt, aber an einem Punkt markiert: eine fertiggestellte Festung.

Ungeöffnete Briefe und ein geöffneter – in dem von der Festung die Rede war, als wäre sie ein Versprechen.

Ein schwarzes Buch mit Schloss – dunkel, schwer, schweigend.

Ein magisches Buch, dessen Schrift vor den Augen der Gruppe verschwamm. Was auch immer darin stand, sollte nicht gelesen werden.

Und dann: ein Lederbündel. Das Buch darin hatte Zähne – buchstäblich – und einen roten Stein in der Mitte. Es biss Halguin, als er es aufschlagen wollte. Mehrfach. Helena spürte beim Berühren, wie eine Mauer zwischen ihr und ihrem Speer Gerald entstand. Selûne: Stille. Das Buch strahlte etwas aus, das aktiv gegen das Göttliche arbeitete. Es war kein Zauberbuch. Es war ein eine Art Nekromantikum. Malakar wusste von seiner Existenz. Er wollte es.

Das entschlüsselte Protokoll

Read Magic öffnete das verschwimmende Buch. Was die Gruppe las, war kein Tagebuch. Es war ein Protokoll.


17. Eleint – Erste Lieferung. Sechs Seelen für den Meister. Hullack-Wald: drei Wanderer, zwei Händler, ein Wächter. Runen halten. Malakar zufrieden. Voss‘ Gold floss. Vex testete Bindung: stabil. Subjekt 4 – Purpurner Drache, widerstandsfähig. Giftprototyp: 72 Stunden Scheintod. Erwachen mit Gedächtnislücken. Perfekt.


Markus von Bergen war Bestatter. Er wusste, wie man Tote schön macht, wie man Angehörige tröstet, wie man Seelen in Würde verabschiedet. Und er hatte dieses Wissen gegen alles davon eingetauscht.

Für Malakar hatte er Seelen beschafft – Entführungen, als natürliche Tode getarnt, Leichen geliefert, die keine Leichen waren. Im Hullack-Wald hatte er Malakars Operationen mit Logistik und Alibi-Strukturen gestützt. Er kannte die Netzwerke: Lord Elandar Voss aus Sembia (Finanzierung, Schwarzmarkt-Transport), die thayanische Rotmagierin Lirith Vex (Seelenbind-Runen, nekromantische Verstärkung), Fürst Tharnor Ironfist aus Arabel (politische Abschirmung), Hauptmann Garrick Shade (Testsubjekte aus den eigenen Reihen der Purpurnen Drachen). Er hatte alles aufgeschrieben. Namen, Verbindungen, Routen, Zahlungen. Dutzende Seiten.


3. Hammer – Zweifel. Testreihe 14 abgeschlossen: 22 Subjekte (12 Wachen, 10 Drachen). Erfolgsrate 89%. Ironfist blockt Ermittlungen. Shade liefert weiter. Aber der Plan… Kinder der Obarskyr. Unschuldig. Malakar kalt: ‚Opfer der Dunkelheit‘. Voss jubelt. Vex grinst. Ich bin Bestatter. Kein Massenmörder. Gift modifizieren. Ewigen Schlaf vortäuschen.


Irgendwo zwischen Testreihe 8 und Testreihe 14 hatte Markus von Bergen aufgehört, an die Sache zu glauben. Die Ermordung der Königsfamilie – Kinder eingeschlossen – war ihm zu weit gegangen. Er begann, das Gift weiterzuentwickeln: nicht als Mordwaffe, sondern als Täuschungsmittel. Scheintod, der gut genug aussah, um Malakar zu überzeugen – und reversibel genug, um die Familie danach zu retten.

Er hatte Kontakt zu den Zentarim aufgenommen. Ein riskantes Spiel: den einen dunklen Verbündeten gegen den anderen ausspielen. Die Zhentarim würden Schutz bieten, wenn Markus lieferte. Die Obarskyr würden „sterben“ – und in Sicherheit verschwinden.


22. Alturiak – Der Verrat. Zentarim-Kontakt bestätigt. Plan: Gift, Evakuierung, Täuschung. Ironfist ahnt nichts. Shade misstrauisch. Vex drängt: ‚Mehr Seelen.‘ Aufzeichnungen vollständig. Wenn das rauskommt… Familie in Gefahr. Muss enden.


Hier enden die Einträge. Sauber, wie ein abgebrochener Satz.

Was danach kam, sprach für sich: Malakar hatte es herausgefunden. Ein Schreiben lag dabei – keine Drohung, die er sich erlaubte, explizit auszusprechen, aber klar genug. Die Untoten, die das Anwesen niederbrannten, waren die Antwort. Die Familie war tot. Die Leichen trugen Malakars Symbol – nicht als Bekenntnis, sondern als Botschaft.

Ari war der einzige Überlebende. Und jetzt wusste die Gruppe, warum.

Was bleibt

Der Name von Bergen bedeutete in Suzail ab jetzt Gefahr. Nicht wegen Aris Schuld – sondern wegen der Schuld eines Mannes, der zu spät umgekehrt war. Ob Markus von Bergen ein Verräter war, ein Opfer oder beides, ließ sich aus den Protokollen nicht abschließend sagen. Er hatte Seelen geliefert, Gifte gebraut, Menschen sterben lassen. Und er hatte versucht, das Schlimmste noch zu verhindern – mit dem einzigen Werkzeug, das er hatte.

Tjungard schlief derweil, um sich zu regenerieren, und bekam von alledem nichts mit.

Eine Festung auf der Karte. Ein Buch, das beißt und einen Demi-Lich bindet. Ein Runenkreis, den niemand zerstören kann. Bruce, scheintot auf dem Boden, vergiftet von einem Gift, das sein Vater für Könige gemacht hatte. Und Ari, der eine Laubsägearbeit in der Tasche hatte, die sein Vater zwanzig Jahre aufbewahrt hatte – mitten in allem.

Über ihnen: Suzail, das weiterging, als wäre nichts.


Ende von Kapitel XXI