Kapitel XVIII – Unter Bindels

Kapitel

Die Kanalisation unterscheidet nicht. Sie riecht gleich, ob Kultisten oder Helden durch sie waten – nach stagnierendem Wasser, Schimmel und Dingen, die man lieber nicht benennt. Dass die Gruppe an diesem Morgen bei der Wache des Purpurnen Drachen begann und am Abend tiefer unter der Stadt stand als je zuvor, war kein Zufall. Es war das Ergebnis einer langen Kette von Entscheidungen, von denen nicht alle klug waren.

Eine Liste und ein schlechter Alchemist

Der Tag begann mit einer Aufgabe: einen Alchemisten finden. Das hätte einfach sein sollen.

Alchi Express hatte geschlossen. Alchemist 24 – Neueröffnung, überteuert, schlecht – war das Gegenteil von dem, was die Gruppe brauchte. Capri kaufte dort trotzdem Knochen, weil Capri immer Knochen kauft, wenn sich die Gelegenheit bietet. Das ist keine Kritik. Es ist einfach wahr.

Beim echten Selûne-Tempel gab es Wichtigeres: Gerüchte über Wheloon. Der dortige Selûne-Tempel war kein Selûne-Tempel gewesen – eine Fassade, hinter der Shar und Cyric gemeinsam Magiebegabte entführt und in den Vast Swamp geschleppt hatten. Die Gruppe nahm Anti-Shar-Schriftrollen mit. Manchmal reicht es, zu wissen, dass der Feind größer ist als gedacht – und trotzdem weiterzumachen.

Krähe Henize

Heiterk war das nächste Ziel – und Esmeralda war nicht mehr da. Stattdessen: Krähe Henize, die sich aufrichtig freute, Halguin zu sehen, und die Gruppe prompt einlud.

Man trank. Man erzählte Geschichten. Man feierte bis zum Morgengrauen – und das Thema Kanalisation wurde für einige Stunden auf später verschoben. Das war keine Ablenkung. Das war Suzail, das kurz wie eine Stadt und nicht wie ein Tatort aussah.

Henize hatte auch einen Namen: Jormukher, Stadtwache, Kanalisation-Experte. Die Gruppe fand ihn irgendwie unabsichtlich betrunken. Das Gespräch verlief trotzdem brauchbar. Manches funktioniert eben so.

Das schwarze Wasser

Der Brunnen in der Altstadt – das schwarze Wasser, das Symbol, das Bruce in Träumen erschienen war – war der Einstieg. Halguin und Helena gingen einfach hinein. Im Brunnen: ein versperrter Zugang, den sie nicht öffnen konnten.

Also raus. Außen herum. Auf dem Weg erzählte Halguin der Stadtwache ungefragt die vollständige Geschichte der Gruppe. Das war nicht geplant und ging nicht explizit schlimm aus. Manchmal ist das das Beste, was man über eine Entscheidung sagen kann. Nach einigen weiteren Schwierigkeiten: Die Kanalisation war offen.

Endgegner: Türen und Treppen

Die Kanalisation begrüßte die Gruppe mit ihren temporären Erzfeinden. Hinter einer Geheimtür lag ein Raum mit Gerümpel und Dire Rats – besiegt, ohne große Mühe, aber eine Erinnerung daran, dass selbst der Weg zur eigentlichen Bedrohung seinen Preis hat.

Dahinter: ein Lagerraum direkt unter Bindels. Das verbarrikadierte Kaufhaus, das seit Wochen als mögliches Zentrum der Shar-Operationen in Suzail galt – jetzt lag die Gruppe buchstäblich darunter. Eine Sackgasse zwang zum Umweg. Um eine Ecke: eine Shar-Falle. Dahinter: Gegner.

Sechs gegen die Gruppe

Der Kampf war zäh. Sechs Kultisten – zwei Krieger, zwei Priester, zwei Bogenschützen – und ein Gefecht, das sich hinzog wie alle Kämpfe, die man eigentlich schnell beenden will. Am Ende lagen die Krieger und ein Bogenschütze. Zwei Priester und ein Bogenschütze flohen tiefer in die Kanalisation.

Reltis setzte nach – und wurde von einer Treppe gestoppt. Die Treppe führte nach oben. Oder nach unten. In jedem Fall: tiefer ins Dunkel, wo Shar sich auskennt. Shar-Zellen arbeiten nach dem Prinzip der Trennung: Was tiefer liegt, weiß mehr. Was tiefer flieht, hat etwas zu schützen.

Bindels war über ihnen. Die Flüchtigen waren unter ihnen. Reltis stand an der Treppe und wartete auf den Rest. Die Kanalisation roch immer noch gleich.


Ende von Kapitel XVIII