Kapitel XI – Der Schädel aus der Truhe
Das Phylakterium – das Amulett, das ein junger Mann namens Falile aus seinem eigenen Körper herausgewürgt hatte – steckte in Capris Tasche. Es gehörte einer Demilichwho. Es musste zerstört werden. Das war der Plan. Pläne halten selten bis zur Stadtgrenze.
Carolin Silversword, zweite Begegnung
Kaum hatten sie Immersea hinter sich gelassen, pfiffen Bolzen durch die Luft. Carolin Silversword stand am Weg, flankiert von Bogenschützen, und sie war nicht zum Reden gekommen – jedenfalls nicht lange. Sie wollte das Amulett. Die Gruppe sagte nein. Halguin – endlich wieder mit festem Boden unter den Füßen, auch wenn der Boden hier gerade eher gefährlich war – zauberte Nebel.
Der Kampf, der folgte, war zäh. Carolin war gut. Ihre Bogenschützen waren gut. Und dann war da Niemand.
Die Notizen aus dieser Nacht lesen sich wie ein Gedicht aus Widersprüchen: Niemand trifft keinen Angriff. Niemand trifft einen Angriff. Keine Pfeile treffen Niemand. Niemand wird von einem Pfeil getroffen. Niemand schleicht. Niemand beißt einen Bogenschützen. Wer den Hund kannte, verstand: Das war kein Chaos – das war Niemand, in seinem Element, unberechenbar und präzise im selben Atemzug. Er ging zu Boden. Capri heilte ihn einfach. Er stand wieder auf.
Reltis tötete Carolin. Die Bogenschützen flohen. Auf dem Boden lagen eine beschlagene Lederrüstung, ein silberner Ring – und zwei Blutdolche, die eine leise, böse Magie ausstrahlten. Reltis hob sie auf und sah sie lange an. Zu lange, vielleicht.
Der Turm des Erdenfeuers
Malik – so nannte sich Falile jetzt, der junge Nekromant, der aus einer Katze zurückgekehrt war – führte die Gruppe durch den Spätherbst zum Turm des Erdenfeuers. Der Turm leuchtete von innen, aber es war kein freundliches Licht. Die Stimmung war gedrückt. Es war dunkler, als es um diese Jahreszeit sein sollte.
Die Gruppe war nicht leise. Das war bereits klar, bevor sie die erste Stufe betraten.
Im Turm fanden sie den Arkanentzünder – das Werkzeug, das Malik brauchte. Sie fanden auch Malakar. Der Name, der sich durch die gesamte Reise gezogen hatte wie ein roter Faden, stand ihnen jetzt gegenüber, in Fleisch und Knochen – oder was auch immer Malakar war. Malins Plan war simpel: Er brauchte ein paar Sekunden. Die Gruppe musste ihm diese Sekunden erkaufen.
Wilde Energie und ein aufsteigender Schädel
Reltis stürmte hinein und traf Malakar – woraufhin Malakar seinen Notfallteleport auslöste und einen Meter weiter stand, umgeben von arkanen Stürmen, die das Licht zerfraßen. Der Turm selbst war das Problem: die alten magischen Energien des einstigen Magierturms waren ungezähmt und wild. Hier zu zaubern war keine gute Idee.
Helena trieb einen Teil der Skelette zurück. Das Riesenskelett stand in der Ecke und sah zu, als hätte es einen reservierten Platz. Dann öffnete sich eine Truhe – und der Schädel Lady Isails stieg heraus, leuchtend und kalt, das Phylakterium einer Demilichwho, die seit dieser Nacht aufgehört hatte zu existieren.
Die Gruppe kämpfte, heilte, wechselte Positionen, jemand sang – die Notizen vermerken es lakonisch: kämpfen, heilen, tauschen Körper, singen. Am Ende reichte es. Der Demilich war zerstört. Malakar teleportierte sich weg – wieder einmal, wie immer, wenn es brenzlig wurde. Das Riesenskelett, seiner Herrin beraubt, kollabierte und wurde zu einer Skelettkatze, die still im Turmstaub saß.
Die Gruppe sah Malik an. Malik dankte ihnen.
Malakar war weg. Wieder. Aber die Fäden, die von ihm ausgingen – zu Malakir, zu Lady Isail, zu den Verträgen auf der Insel, zu dem Schädel in der Truhe – die waren nicht weg. Die lagen jetzt frei, ohne den Knoten in der Mitte. Und irgendwo in Faerun bereitete sich jemand auf das vor, was als nächstes kam.
Ende von Kapitel XI – Session 13
