Kapitel X – Die Katze, das Amulett und der Spiegel
Halguin schwamm in einem Meer aus Weiß. Kein Horizont, kein Boden, kein Himmel – nur Weiß in alle Richtungen, ohne Anfang und ohne Ende. Er konnte darin zaubern. Das war immerhin etwas. Die anderen reisten mit dem Boot nach Immersea und spielten magische Spiele, angelten Seebarsch, lasen Gedichtbände. Das war das Seltsame an dieser Gruppe: das Leben ging einfach weiter.
Die Überfahrt
Reltis und Capri spielten ein Spiel, das mit Magie zu tun hatte und das die meisten Menschen als schlechte Idee abgetan hätten. Reltis gewann und war für zwei Stunden außerordentlich klug – er stellte Fragen, die er sonst nicht stellen würde, und hörte Antworten, die er sonst nicht gehört hätte. Capri bekam Kopfschmerzen und nahm einen Schlafpilz. Niemand döste neben ihr, eine Pfote auf ihrem Knie. Bruce angelte einen Seebarsch und war zufrieden. Helena las ihren Gedichtband bis zum Ende der Überfahrt.
Die Ankunft in Immersea am frühen Abend war unspektakulär. Was danach kam, weniger.
Die Nekromantin und das Angebot
Die Bauernmutter – Nekromantin, wie man munkelte – empfing die Gruppe ohne große Überraschung, als hätten Abenteurer mit Problemen rund um extradimensionale Seelenspiegel ihr Haus schon öfter aufgesucht. Ja, sie könnte Halguin befreien. Aber nicht umsonst: Sie wollte, dass die Gruppe dafür sorgte, dass sie den Hof ihres Nachbarn übernehmen konnte.
Mehrere Blicke wurden gewechselt. Die Gruppe beschloss, erst einmal zum Fürsten zu gehen. Vielleicht hatten seine Hofmagier eine sauberere Lösung.
Auf dem Weg dorthin drückte ein fremdes Kind Bruce einen Brief in die Hand – eine Einladung zum Abendessen für die ganze Gruppe. Keine Absenderin, kein Absender. Bruce sah das Papier an, sah das Kind an, sah das Papier wieder an. Das Kind war schon weg. Die Wachen des Fürsten ließen die Gruppe nicht vor – sie sollten morgen wiederkommen.
Der Seelenspiegel und seine zwölf Zellen
Ein Kuriositätenladen auf dem Rückweg erwies sich als unerwartete Informationsquelle. Der Besitzer kannte den Seelenspiegel – er hatte zwölf Zellen, erklärte er, als wäre das selbstverständlich. Wer hineinsah, konnte zufällig mit einem bereits gefangenen Insassen tauschen. Und wenn man ihn zerstörte, kamen alle heraus: Halguin, sieben Goblins – und was auch immer sonst noch darin saß. Die Gruppe notierte das und trat wieder auf die Straße.
Suppe, geheime Türen und Karolin Silversword
Die Kneipe hieß „Zum verwundeten Schurken“ und sah aus wie eine Kneipe, die diesen Namen verdiente. Die Bardame wusste zunächst nichts von Suppe – dann doch. Die Suppe war extrem eklig. Die Gruppe lobte sie beim Koch in den höchsten Tönen. Der Koch öffnete eine geheime Tür.
Dahinter: eine Treppe nach unten, eine sehr gute Bar, Menschen, die nicht diskutiert werden wollten, und ein Halbork, der die Gruppe empfing wie alte Bekannte. Eine Frau im Kapuzenmantel erschien und führte sie zu einer Sitzgruppe. Sie hieß Karolin Silversword – und behauptete, die Taverne von Bruces Eltern gut zu kennen. Bruce‘ Ausdruck verriet nichts.
Ihr Auftrag war klar: Ein als Handelsschiff getarntes Piratenschiff im Hafen hatte eine Kiste an Bord, die sie haben wollte. Die Belohnungen wurden verhandelt – Reltis wollte seinen Ruf wiederhergestellt haben, Capri eine Expedition in den Wald, Bruce dass seine Heldentaten verbreitet würden, Helena Schmuck. Karolin stimmte allem zu. Die Gruppe aß.
Das Schiff im Gewitter
Das Gewitter kam pünktlich, als hätte es auf die Gruppe gewartet. Am Hafen lag das Schiff – zwei Gestalten an Deck, zwei vor der Gangplanke, alle vier mit Bewegungen, die nicht ganz stimmten. Untote, sehr wahrscheinlich.
Halguin versuchte aus dem Spiegel heraus einen Seiltrick – er schaffte es nicht, auf das Schiff zu klettern, aber für einen kurzen Moment war die Verbindung stark genug. Bruce unterhielt sich mit ihm, während draußen die ersten Tropfen fielen. Capri verwandelte sich in einen Wolf und schlich über die Kaimauer.
Der Kampf war nass, laut und unangenehm. Niemand stand kurz an der Schwelle zum Tod – nicht zum ersten Mal, und wohl nicht zum letzten. 2 Wichte und 4 Skelette wurden zerlegt, dann unter Deck noch 2 Skelette und ein Geist. Zwischen modriger Ladung und verrotteten Kisten fand die Gruppe schließlich die besondere Kiste. Bruce zündete beim Rausgehen das Schiff an. Weil er das eben so macht.
Die Katzen
In der Kiste: drei Katzen. Aufgewühlt, laut, unruhig – keine normalen Katzen. Die Gruppe diskutierte kurz, ob man sie Karolin übergeben sollte. Dann entschieden sie sich dagegen und ließen sie frei.
Eine kam zurück. An ihr hing ein starker Verwandlungszauber – und, wie sich zeigte, auch ein Fluch. Die Spelunke hatte schon geschlossen. Die leere Kiste würde warten müssen. Die Gruppe nahm ein Zimmer.
Falile
Die verfluchte Katze hatte einen Namen: Falile. Mehr bekam Capri zunächst nicht heraus. Helena brach den Fluch – und der Hund, der Verwandlungszauber und der Fluch zusammen lösten sich auf. Vor ihnen stand ein junger Mann, Nekromant, vom Haus Isail.
Er würgte ein Amulett heraus – die Schlagworte, die er dabei ausstieß, ließen der Gruppe wenig Zeit zum Luftholen: Malaka. Maristo Malu. Falile hatte im Haus von Malaka gestohlen. Er hatte das Amulett berührt, war zur Katze geworden, Malaka war erschienen, und er hatte das Amulett in Panik geschluckt.
Das Amulett gehörte zu Lady Isail – Meisterin von Malaka, und, wie Falile mit einer Sachlichkeit erklärte, die man nur von jemandem erwartete, der nicht mehr viel zu verlieren hatte: ein Demilich. Das Amulett zerstören bedeutete Lady Isail zerstören. Es bedeutete auch, das Amulett in die Hände eines Entzauberers zu bringen, der in einem Turm irgendwo auf sie wartete.
Die Gruppe blickte sich an.
Malaka. Malakir. Malaka. Die Namen änderten sich leicht, aber die Richtung blieb dieselbe – immer tiefer, immer dunkler, immer mehr Fäden, die alle in dieselbe Mitte liefen. Und irgendwo darin saß Halguin in seinem weißen Meer und zauberte, weil er nichts anderes tun konnte.
Ende von Kapitel X – Session 12
