Kapitel VI – Was die Toten hinterlassen

Kapitel

Der Sieg über den bösen Priester hatte seinen Preis. Nicht jeden Preis zahlt man in Blut beim Kampf – manche Rechnungen kommen danach, still und endgültig.


Abschied von Eldryn

Eldryn Dawnhammer, Paladin, Gefährte seit dem ersten Abend im „Alten Mann“ zu Wegesruh, war stärker verwundet gewesen, als irgendwer geahnt hatte. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen, bevor jemand es bemerkte. Die Gruppe stand eine Weile schweigend um ihn herum. Dann taten sie das Praktische: Sie lootet ihn. Es war keine Pietätlosigkeit – es war Überleben. Seine Waffen und sein Gepäck würden nicht mit ihm begraben werden, und er hätte es vermutlich genauso gemacht. Niemand saß dabei und schaute zu, den Kopf auf den Pfoten.

Die übrigen Leichen wurden ebenfalls durchsucht. Lady Alyssa – die Cousine der Königin, für die das alles begonnen hatte – lag noch bewusstlos am Boden, bis Helena sich zu ihr kniete und sich um sie kümmerte. Als Alyssa die Augen öffnete und Reltis sah, zog sie eine Augenbraue hoch. Die Gruppe überredete sie, dass er der Gute war. Es dauerte eine Weile.


Rituale, Gefangene und ein Tod

An der Wand neben dem erloschenen Portal hatte jemand Ritualsymbole eingeritzt – Zeichen, die mit der Magie des Portals zusammenhingen. Halguin kopierte alles gewissenhaft, während die anderen ein informelles Kaffeekränzchen mit Lady Alyssa abhielten. Sie empfahl, das Zimmer des bösen Magiers zu plündern. Guter Hinweis.

Einer der vermeintlich Toten war es nicht. Gefesselt, befragt. Reltis versuchte es mit Einschüchterung – erfolglos. Halguin versuchte es mit Charme – ebenfalls wenig ergiebig. Lady Alyssa bestand auf der Existenz einer versteckten Tür. Die Gruppe suchte. Fand nichts. (Lady Alyssa hatte eine Kopfverletzung.)

Dann hörten sie Schritte im Gang. Helena wollte den Gefangenen in Sicherheit bringen – und sah dabei, dass er etwas in der Hand hielt. Ein kleines Ding, unscheinbar. Sie handelte sofort und tötete ihn. Das Dingens fliess aus seiner Hand, flog in die Luft – und alle hatten für einige Momente einen Tinnitus, der Gedanken unmöglich machte. Helena schlug es in Stücke. Stille. Reltis und Alyssa taumelten noch.


Die versteckte Tür, die nicht existierte

Helena drückte am Altar herum. Es klackte. Die Tür, die es nicht gab, öffnete sich. Dahinter: eine Leiter, eine Luke, die Möglichkeit nach oben zu verschwinden, bevor die Schritte im Gang lauter wurden. Die Gruppe stieg hoch. Halguin zog die Leiter nach, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Unten: Stimmengewirr, Hektik, Flüche in einer Sprache, die niemand identifizieren wollte.

Oben: ein Raum mit Fenstern zum Burghof. Zwei Türen. Eine führte in den Innenhof, eine in einen Korridor – Halguin fand keine Fallen, bis er die Türen öffnete und doch Darts aus den Wänden schossen. Er entschärfte, was er konnte. Den Rest umgingen sie. Eine Küche bot sich als Rastplatz an, und die Gruppe nahm das Angebot dankbar an. Reltis stemmte Halguins Kampfstab gegen die Tür. Als in der Nacht jemand versuchte, sie zu öffnen, zog er den Stab heraus – ließ zwei Männer hereinstolpern – und tötete beide, bevor der erste richtig auf den Beinen stand.


Der Vampir

Ausgeruht und gebetet, setzte die Gruppe ihre Erkundung fort. Halguin knackte eine eigentlich verschlossene Tür mit der Leichtigkeit eines Mannes, für den Schlösser eher Empfehlungen als Hindernisse sind. Drinnen wartete ein Bolzen, der ihn traf und erstarren ließ.

Reltis übernahm und teilte kräftig aus. Helena stieß Gerald in das Wesen – einen Vampir, wie sich herausstellte – das sich daraufhin in Gas auflöste und hinter Capri wieder materialisierte. Es biss sie. Niemand stürzte sich sofort auf den Vampir, bellend und beißend. Der Vampir war von der Sorte, die man nicht einfach vertreibt – Helenas Turn Undead verpuffte wirkungslos. Aber ihr Speer nicht. Reltis gab den letzten Schlag.

Eine Truhe mit dem Cyric-Symbol. Halguin öffnete sie magisch – Fauchen, Finsternis, vollständige Dunkelheit für eine Stunde. Dann: Edelsteine, Schriftrollen, Tränke, Handschuhe. Ein guter Tausch.


Das Buch mit Zähnen

Höher im Turm: Räume voller alter Magie, ein Wasserspeier, der böse zu leuchten schien, eine Metalltür, die Blitze verschoss. Reltis trat sie ein, weil Halguin die Falle nicht entschärfen konnte und weil das manchmal die einzige Antwort ist.

Drinnen: Tausende Bücher, zwei Truhen. Eine enthielt Lady Alyssas persönliche Sachen – und sie griff nach ihrem Amulett und teleportierte sich wortlos davon. Reltis starrte auf den leeren Platz, wo sie gerade noch gestanden hatte.

Die zweite Truhe verteidigte ihr Schloss gegen Reltis‘ Bolzen, bis es kapitulierte. Was darin lag, war in Tücher gewickelt. Die Tücher enthüllten ein schwarzes Buch mit Zähnen, mit Ketten gefesselt. Die Gruppe legte es sehr sorgfältig zurück und schloss die Truhe.


Der Geist und zehntausend Gold

Im Vorzimmer: zwei schwarze Metalltüren, eine davon mit unentschärfbarer Magie gesichert. Halguin kletterte durchs Fenster auf die Balustrade, spähte in den gesperrten Raum – Karten, Papiere, ein Tisch. Reltis folgte ihm. Sie stiegen ein.

Jemand stöhnte aus einer Ecke. Ein Geist erschien. Reltis schlug zu; Halguin rannte mit einem gefundenen Schlüssel zur Tür. Der Geist ignorierte das Netz, das Halguin warf, lange genug um es zu trotzen – bis Reltis‘ magische Bolzen und ein letzter Schlag das Wesen zerstörten.

Reltis öffnete die Truhen. Falle. Schaden. ~10.000 Gold.


Was Halguin las

Das Buch auf dem Tisch sprach Bände – im wörtlichsten Sinne, als Halguin Read Magic wirkte und zu lesen begann.

Malakir, der Nekromant und Priester des Cyric, hatte Lady Alyssa entführt, um sie zu versklaven. Sie sollte sein Werkzeug werden, um die Macht über Arabel zu übernehmen – und von dort aus Cormyr anzugreifen. Ein Vertrag mit Malir, dem Fürsten von Arabel, lag schwarz auf weiß vor. Malakir hatte eigene Ambitionen, die über den Vertrag hinausgingen.

Sembia war ebenfalls involviert – ein Königreich, das seit Langem ein Auge auf Cormyr geworfen hatte. Ein Brief an Lord Vramor aus Sembia bestätigte: Eine Festung am Rand des Hullackwaldes war fertiggestellt. Untote standen als Wachen bereit. Fallen – magische und mechanische – sicherten jeden Gang. 10.000 Goldstücke flossen von Vramor an Malakir. Beide hatten unterschrieben. Das Ziel: die Destabilisierung Cormyrs.

Die Gruppe hielt inne. Niemand wedelte einmal, kurz und leise. Was sie gefunden hatten, war kein lokaler Mordfall mehr, kein entführtes Mädchen bei einem Pferderennen. Es war der Beweis einer Verschwörung, die bis in die Hauptstädte zweier Königreiche reichte.

Sie hatten Alyssa gerettet. Sie hatten Malakir in die Flucht geschlagen. Und sie hielten Beweise in der Hand, die Könige stürzen und Kriege entfachen konnten. Was sie damit anfingen – das würde die nächste Seite dieser Chronik bestimmen.


Ende von Kapitel VI