Kapitel III – Über Land und Wasser
Die Welt um Arabel war keine friedliche mehr. Der Krieg hatte seine Narben hinterlassen – in den zerstörten Straßen der Stadt, in den misstrauischen Blicken der Wachen, in den leeren Sätteln an den Posten. Und irgendwo da draußen, auf einem Boot, das sich im Morgendunst verlor, verschwand eine junge Frau, die nichts anderes getan hatte, als besser reiten zu können als alle anderen.
Abschied an der Straße und ein neuer Gefährte
Die Wachen, die Helena und Eldrin überzeugt hatten, den Planwagen zu verfolgen, hatten ihren Dienst getan – bis zu jenem Punkt, an dem die Straße sich gabelte. Dort trennten sich ihre Wege. Doch einer blieb: Halguin, Soldat der Purpurdrachen. Er trat an die Gruppe heran, musterte sie – und besonders Reltis, der noch immer unter dem Makel des nächtlichen Verdachts stand – und entschied sich dennoch, ihnen zu glauben. Gemeinsam beschloss die nun erweiterte Gruppe, den Entführern nach Arabel zu folgen. Es war Halguin, der als erster die Wagenspuren bemerkte, die vom Hauptweg abbogen – frisch, tief, in weichem Erdreich. Niemand hatte sie bereits beschnuppert und wartete ungeduldig auf das Kommando zum Weitergehen.
Yoshua, Tür und Pilze
Was sie dabei aufgabelten, war kaum zu beschreiben. Am Wegesrand stand ein Halbork – groß, rotäugig, eine schwere hölzerne Tür auf dem Rücken geschnallt wie andere Leute einen Rucksack. Er trank aus einer Flasche, deren Inhalt mit Sicherheit kein Wasser war. Niemand beschnupperte ihn von allen Seiten, ließ ihn dann gelassen stehen – sein Urteil war gefällt.
Sein Name war Yoshua, und er folgte der Göttin Volyandra – Herrin des Glücks, der Reise und, wie er ohne Scham hinzufügte, der Drogen. Er hasste Orks mit einer Inbrunst, die merkwürdig aufrichtig wirkte für einen Mann, der sonst nichts wirklich wichtig zu nehmen schien – seine Mutter war von Orks vergewaltigt worden, und er war das Ergebnis dieser Gewalt. Mit Capri verstand er sich auf Anhieb: Die beiden tauschten Pilze aus, über deren genaue Natur die Gruppe vornehm schwieg. Yoshua schloss sich an, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Das Wasser und das Boot
Die Spuren führten ans Ufer. Niemand lief voraus und blieb mit gesenktem Kopf am Uferrand stehen – das Boot war bereits zu weit weg. Ein ruhiger See, das Wasser träge und glitzernd. Am Ufer: ein verlassener Wagen. Auf dem See: ein Boot, das sich in der Ferne verlor. Die Gruppe nahm den Wagen mit zur Yeoman’s Bridge. Yoshua nutzte die Fahrt für ein Nickerchen im Wageninneren – nicht ohne Pilze. Niemand saß aufrecht neben Capri auf dem Kutschbock und beobachtete die Straße mit der würdevollen Ernsthaftigkeit eines Hundes, der weiß, dass er im Dienst ist.
Im Ort kaufte Yoshua mit einem Goldstück fünf Fische und wirkte damit vollständig zufrieden mit dem Tag. Halguin wandte sich an seine Purpurdrachen-Kollegen: Man glaubte ihm nicht. Den entscheidenden Schritt tat Eldrin, der mit Geduld und hundert Goldstücken aus der eigenen Tasche ein ausreichend großes Segelboot freihandelte. Pferde mussten im Stall bleiben. Capri bestand darauf, dass Niemand mitkam – und niemand widersprach.
Als Yoshua ein Pferd aus der Herde zu „befreien“ versuchte, bemerkte Helena es – schwieg aber. Es war nicht ihr Pferd.
Sturmboot und Männer über Bord
Das Segeln erwies sich als gemeinsames Abenteuer im ungünstigsten Sinne. Helena navigierte, Reltis hielt das Steuer, Eldrin kümmerte sich um das Segel. Niemand hatte sich am Bug postiert und starrte konzentriert auf die kleine Insel, die ihre Blicke auf sich zog – einsam, bewaldet, mit dem Charakter eines Ortes, an dem etwas verborgen wird.
Beim Versuch, ein Segelmanöver in ihre Richtung durchzuführen, krängte das Boot, das Segel schlug durch – und Helena, Yoshua und Eldrin waren über Bord. Niemand bellte laut und blieb dabei fest an Bord, neben Capri, die das Boot unter Kontrolle zu halten versuchte. Nach einem langen, bangen Hin und Her wurden alle drei zurück an Bord gezogen, triefend, erschöpft, aber lebend. Niemand beschnupperte jeden von ihnen kurz – der Vollständigkeit halber.
Pfeile, Kiesstrand und Kampf
Sie näherten sich der Insel erneut – und die Antwort kam schnell: Pfeile, die über das Deck pfiffen. Eine Stimme rief eine Drohung hinüber. Sie legten an. Der Kiesstrand knirschte unter ihren Füßen, und was wartete, war kein Gespräch – es war ein Kampf, kurz und heftig. Niemand kämpfte an Capris Seite, wie er es immer tat – lautlos, präzise, entschlossen. Als der Staub sich setzte, lagen einige Angreifer am Boden. Doch einer hatte es geschafft: Ein Schatten verschwand ins Innere der Insel, zu schnell für Verfolgung.
Die Insel schwieg. Die Wellen leckten am Kies. Niemand schnupperte in die Luft – irgendwo drinnen, hinter Bäumen und Geheimnissen, wartete die nächste Antwort. Oder die nächste Falle.
Ende von Kapitel III
