Kapitel VII – Neue Ufer, alte Lügen
Die Insel hatte sie nicht freiwillig gehen lassen. Aber sie gingen trotzdem.
Aufbruch unter Feuer
Mit versiegeltem Tornister – Buch mit Zähnen, Verträge, Beweise für eine Verschwörung, die Cormyr erschüttern konnte – rannte die Gruppe zum Strand. Fallen wurden umgangen, der Atem angehalten. Dann, als sie fast am Ufer waren: ein Boot. Ein einzelner Mann, stark gerüstet, schwarze Haare, Bart. Er sah die Leichen. Sah die Gruppe. Rief einen Namen in die Stille: „Malakir!“ Und rannte in den Wald.
Die Gruppe zögerte nicht. Sie klauten das Boot. Niemand saß am Bug und ließ die Insel hinter sich. Halguin überredete die Besatzung des wartenden Segelschiffs, die unbekannte Gruppe für je zwei Goldstücke an Bord zu nehmen. Kurz danach – ein Grollen, ein Aufleuchten. Das Haus auf der Insel explodierte.
Bruce
Auf dem Schiff saß ein Mann, den niemand kannte und der sofort so tat, als würde er alle kennen. Bruce – bunte Klamotten, freundliches Gesicht, zusammengewürfelte Ausrüstung – war die Art von Mensch, über die man keine Geschichte kannte, aber trotzdem mochte. Er angelte, während die anderen grübelten. Niemand ließ sich von ihm die Hand beschnuppern und blieb dann gelassen neben ihm liegen.
Das Schiff trug sie nach Immersea – eine gepflegte, selbstbewusste Stadt, die eine mächtige Statue von Ansur III. in den Himmel reckte. Bruce wurde vorgeschickt zum Gasthof. Die anderen wandten sich an die Purpurdrachen.
Vorsicht mit Wahrheiten
Bei der Stadtwache kam der ersten vernünftige Gedanke seit Tagen: Nicht alles, was sie wussten, sollten sie jedem erzählen. Einen Nekromantenvertrag mit sembianischer Unterschrift auf dem Tisch der Wache ausbreiten – das hatte das Potenzial, sie entweder sofort in Schutzhaft oder in eine Zelle zu befördern. Die Gruppe berichtete nur von der Explosion, die sie auf dem Wasser gesehen hatten. Die Drachen nickten und sagten, sie würden nachsehen.
In der Kneipe: keine Betten mehr, aber ein Tisch mit Bruce. Der hatte inzwischen erfahren, dass die Gerüchte über die entführte Königscousine bereits bis nach Sembia vorgedrungen waren. Die Gruppe tauschte einen Blick.
Schnösel und die Fünf Feinen Fische
Ein Adliger vom Stadtadel trat durch die Tür wie jemand, dem die Welt persönlich gehört, scheuchte Gäste von einem Tisch und bekam sein Essen, bevor die Gruppe auch nur wusste, dass ihr bestelltes weg war. Halguin versuchte beim Wirt eine Unterkunft zu erfragen und dabei den Preis zu drücken – der Preis stieg. Sie gingen.
Bruce löste das Problem mit der ihm eigenen Methode: Er trat beim Wirt des besten Lokals in der Stadt ein – den „Fünf Feinen Fischen“ – und erklärte ruhig, die Gruppe sei eine Delegation von Diplomaten. Die Gruppe bekam Betten und Abendessen.
Drei Probleme für Fremde
Am nächsten Morgen klopfte ein alter Mann von der nahen Festung an die Tür. Er vertrat die Sunderswords, einen Adel der Gegend, und hatte drei Probleme, die gelöst werden wollten:
Erstens: Zwei Bauern stritten sich um Land, und die Lage war eskaliert. Zweitens: Einem Händler waren Waren gestohlen worden. Drittens: Goblins trieben sich in den umliegenden Hügeln herum. Alles dringend, alle Augen auf die Fremden gerichtet, die offensichtlich Schwerter trugen und nichts Besseres zu tun hatten.
Die Gruppe kaufte erst ein. Dann ritten sie zum ersten Hof.
Blut auf dem Feld
Bei Gutfred Gulfets Hof hörten sie die Schreie, noch bevor sie abstanden. Auf dem Feld: zwei Männer, einer über dem anderen, ein blutiges Schwert auf dem Boden. Der Stehende hob die Hände. „Ich war’s nicht.“ Zwei Typen seien in den Wald gerannt, sagte er.
Capri und Reltis liefen sofort los. Niemand hatte die Nase schon unten, zog die Spur aus dem Erdgeruch heraus und führte die beiden direkt zu einem Haus im Wald, das nach nichts Gutem aussah.
Das Haus explodiert (wieder)
Sie näherten sich als harmlose Wanderer. Die Antwort waren Pfeile. Also schlichen sie sich von der Seite heran – und dann war es Kampf, kurz und laut. Das Haus fing Feuer. Dann explodierte es. Eine Frau überlebte den Kampf, behauptete von nichts zu wissen, nannte die Gruppe die Bösen, und rannte weg, als jemand versuchte, sie zu betäuben.
Währenddessen hatte Bruce beim Feld eine elegante Lösung verhandelt: Gulfet gab 2,5 Morgen des strittigen Landes an Lyra ab, die Tochter des Toten – und die Gruppe bestätigte im Gegenzug, dass er nicht der Mörder war. Ein fairer Tausch. Ein Bauer mit Namen Alrik hatte den Streit angestachelt – derselbe Name, den die geflohene Frau gerufen hatte.
Elowyn spricht mit den Toten
Am Hof des toten Bauern Nilila: seine Tochter Lyra war verschwunden. Und sowohl Lyra als auch die geflohene Frau hatten grüne Augen. Die Gruppe legte beides nebeneinander und sagte nichts.
Dann trat Elowyn aus dem Haus – die Großmutter, die aussah wie jemand, der schon viel gesehen hatte und sich von nichts mehr überraschen ließ. Sie wirkte Speak with Dead. Der tote Bauer bestätigte: Gulfet hatte ihn nicht getötet. Er hatte seine Mörder gekannt. Es waren die Menschen gewesen, die ihn besucht hatten.
Elowyn kannte eine Jagdhütte im Wald, die ihrer Familie gehörte und die angeblich leer stand. Alrik war dort gewesen.
Lord Alrik und Lord Sarris
Die Gruppe karrt die Leiche des Gefallenen zum Familiensitz der Sunderswords. Die Wache an der Tür erkannte das Gesicht. „Das ist Lord Alrik von Wyrenspore.“ Waffen ablegen, hineingeführt werden.
Lord Sarris von Thundersword empfing sie dreißig Minuten später – ruhig, klar, fragend. Er bat die Gruppe, Elowyn zu holen. Als sie zurückkamen, war der tote Bauer lebendig – Elowyn hatte ihn wiedererweckt, als wäre das eine Kleinigkeit. Und Elowyn war bereits beim Lord angekommen, bevor die Gruppe die Tür öffnete.
Im Gespräch kam heraus: Der eigentliche Auftraggeber, Jakob von Thundersword, war seit langer Zeit verschwunden. Seine Abwesenheit hinterließ ein Vakuum – und in diesem Vakuum entstanden die Unruhen.
Der Immertrail
Es gab Unruhen auf dem Immertrail. Wer oder was dahintersteckte, war unklar. Lord Sarris bat die Gruppe, nachzusehen. Eine mögliche Belohnung war in Aussicht.
Niemand trottete neben Capri, als sie das Gebäude verließen und in den Abend traten – eine neue Spur, eine neue Richtung, eine Welt, die sich nicht beruhigen wollte.
Malakir war geflohen. Die Verschwörung war aufgedeckt, aber nicht zerschlagen. Jakob von Thundersword war verschwunden. Lyra war verschwunden. Und irgendwo auf dem Immertrail wartete das Nächste. Die Gruppe hatte keine Wahl mehr, als weiterzugehen – das war längst keine Frage des Wollens mehr.
Ende von Kapitel VII
