Kapitel V – Tiefer als die Dunkelheit
Es gibt Türen, die man besser geschlossen lässt. Diese war es nicht – denn hinter ihr wartete Alyssa, und die Gruppe hatte keine Wahl.
Die Tür und ihre Tücken
Die Tür vom Vortag öffnete sich, aber nicht ohne Widerstand. Die Treppe dahinter war glitschig wie Eis – Eldryn und Helena rutschten hinein, bevor jemand warnen konnte. Ein Zug am Türring ließ Speere aus der Wand schießen. Ein Seil, fest gebunden, riss, als die Tür halb offen war. Halguin stieg als erster hinunter, sah in eine Dunkelheit, die sich anfühlte, als würde sie zurückschauen, und kam rasch wieder hoch.
Die Gruppe erwog umzukehren. Dann hörten sie die Geräusche. Helena warf einen Detect Undead in die Tiefe – und was zurückkam, ließ ihr Blut gefrieren. Kurz darauf zerriss ein Schrei die Stille, so tief und markerschütternd, dass Niemand leise winselte und sich an Capris Bein drückte. Helena und Eldryn stiegen hinab.
Der Wraith
Aus einer Tür am Ende der Treppe glitt er heraus – ein Wraith, formlos und kalt, das Licht um ihn herum saugend wie ein Abfluss. Alle kämpften. Alle außer zweien: Reltis erstarrte, die Urangst, die so ein Wesen verbreitet, lähmte ihn für einen Moment. Und Niemand – der mutige, unerschrockene Hund, der Mimic getrotzt und Kämpfer gebissen hatte – duckte sich flach auf den Boden und weigerte sich aufzustehen.
Dann, als wäre das Schicksal der Gruppe wohlgesonnen, erschienen zwei riesige Käfer aus dem Dunkel und bissen den Wraith – was immer sie auch sahen, sie sahen eine Beute. Reltis schüttelte die Lähmung ab und kehrte in den Kampf zurück. Eldryn sammelte alle Kraft, die ihm verblieben war, und ließ sie in einem einzigen Schlag frei. BÄMM. Der Wraith zerfiel.
Die Gruppe war erschöpft bis in die Knochen. Capri kniete sich zu Niemand, der noch immer flach dalag, und redete leise auf ihn ein, bis er wieder aufstand. Sie sammelte ihn ein, wie man ein Kind aufsammelt, das einen schlechten Traum hatte.
Die Nacht und ihre Untoten
Die Rast währte nicht lange. Vier Skelette und ein Zombie hatten andere Pläne. Die erste Wache schlug Alarm, und die Gruppe kämpfte sich durch das Gerippe, bevor sie endlich schlafen konnte.
Am nächsten Morgen erkundeten sie den Raum, in dem der Wraith gehaust hatte – einst wohl ein Versammlungsraum. Reste eines Humanoiden. Ein Steinpult. Zwei Bücher, von Schimmel befallen. Zwei merkwürdige nasse Stellen an der Wand ohne Tür, deren Bedeutung sich nicht erschloss.
Wasser und eine sehr besorgte Capri
Eine Geheimtür im Gang, ein Knopf am Pult als Auslöser, eine lange Treppe, eine Metalltür am Ende. Reltis öffnete die untere Tür – und oben fiel die obere ins Schloss. Als er dann auch die untere schloss, begann Wasser zu steigen. Eine klassische Falle, perfekt konstruiert für jemanden, der genau das tut, was Reltis getan hatte.
Die Gruppe riss ihn heraus. Capri war als erste unten, mit einer Miene, die zwischen Erleichterung und dem dringenden Bedürfnis schwankte, ihren Bruder zu schütteln.
Der Mimic und das Steh-Auf-Hündchen
Zwei Truhen warteten im nächsten Raum. Capri öffnete eine. Die Truhe öffnete sie zurück. Mimic – das Wesen biss zu, und Capri rief mit einer Ruhe, die der Situation kaum angemessen schien: „Upsi.“
Niemand kam sofort. Er warf sich auf den Mimic mit der ganzen Entschlossenheit eines Hundes, der seine Herrin verteidigt, und bekam dafür einen Schlag, der ihn quer durch den Raum schleuderte. Der Mimic spuckte Schleim – Arme, Beine, Waffen klebten fest. Nur Halguin blieb beweglich und hielt den Kampf aufrecht. Als der Mimic schließlich tot war, rappelte sich Niemand auf – wackelig, aber aufrecht. Steh-Auf-Hündchen, dachte wohl jeder still.
Geröll, Strom und Obsidian
Ein tiefes Wasserbecken im nächsten Raum, eine Doppeltür davor, die beim Öffnen einstürzte und Reltis auf der falschen Seite einschloss. Geröll wegräumen, schlafen, Gegenstände identifizieren – gute Beute.
Dann die Metalldoppeltür: kein Griff, kein Schalter, kein Hinweis. Eldryn legte die Hand daran. Stromschlag. Er zog sie schweigend zurück. Die Gruppe fand Obsidianplatten davor, zerstörte sie mit Steinen und Hammer – und dahinter: drei achteckige Löcher in der Wand.
Der Schlüssel im dunklen Wasser
Die nächste Tür führte in den Turm – und direkt zu Hundeleuten, die als Wachen dort standen. Tür sofort wieder zu. Helena fand zwei der drei nötigen achteckigen Zylinder. Den dritten suchte die Gruppe im Wasserbecken. Capri tauchte und wühlte tapfer Schlamm auf. Reltis tauchte und fand den Stein.
Alle drei Zylinder in die Löcher. Linien begannen zu leuchten, und dann erschien das Symbol – Cyric, Gott des Todes und der Täuschung, die achtarmige Sonne mit dem Totenkopf. Böse, durch und durch. Die Tür öffnete sich.
Die Kirche des Cyric
Acht Säulen im Kreis. In der Mitte das Symbol Cyrics, in Stein gebrannt. Ein Altar, von dem Rinnen das Blut zur Mitte leiteten. Die Gruppe trat ein und sprach wenig. Niemand blieb dicht neben Capri.
Hinter dem Altar: eine Tür. Dahinter: eine Treppe hinab in einen Raum, der von einem Kraftfeld abgeriegelt war. Und dahinter, sichtbar durch das flimmernde Feld: eine Gruppe Bewaffneter, ein Priester in dunklen Gewändern – und Alyssa, gefesselt, dem Altar entgegengestreckt.
Letzte Kraft, letzter Schlag
Halguin rief seine Verbindung zur Erde und beschwor zwei Erd-Elementale – mächtige, schwere Wesen, die sich vor das Kraftfeld stellten und mit stumpfer Gewalt dagegenhämmerten. Die Gruppe stürmte durch den entstehenden Spalt. Der Kampf war kurz und brutal. Jeder gab alles, was noch übrig war.
Der böse Priester sah die Niederlage kommen. Er ließ Alyssa fallen, öffnete ein Portal – und verschwand. Die Gruppe fing Alyssa auf. Niemand leckte ihr die Hand.
Sie standen im Raum des bösen Priesters, erschöpft, blutend, siegreich. Der Mann, der das alles geplant hatte, war geflohen. Das Portal war erloschen. Was er gewollt hatte, warum Alyssa, warum dieses Fest, warum Arnold vom Hause Schwefel – all das blieb offen. Aber Alyssa lebte. Das musste für jetzt genug sein.
Ende von Kapitel V
