Kapitel IV – Die Festung der Toten

Kapitel

Die Insel hatte ihnen keine Zeit gelassen zum Durchatmen. Der Sand des Kiesstrands klebte noch an ihren Stiefeln, als klar wurde: Wer auch immer bei dem Kampf entkommen war, würde Verstärkung holen. Die Gruppe konnte nicht warten.


Aufbruch ins Innere

Sie plünderten das Nötigste von den Gefallenen, legten die Leichen mit einer gewissen Würde zur Seite und wandten sich dem Berg zu, der im Zentrum der Insel aufragte. Dort oben hatten sie Rauch gesehen – und die Spitze eines Turms, der sich zwischen den Baumkronen abzeichnete. Alte, überwucherte Schotterstraßen schlängelten sich den Hang hinauf, kaum mehr als Erinnerungen an bessere Zeiten. Die Gruppe bahnte sich ihren Weg, Schritt für Schritt, durch das Dickicht.


Die Festung

Die Lichtung öffnete sich unvermittelt, und mit ihr der Blick auf eine Festung, deren Steine von Jahrzehnten oder Jahrhunderten erzählten. Aus einem der Türme kräuselte sich Rauch, hinter vergitterten Fenstern schimmerte Licht. Jemand war zu Hause.

Was folgte, war kurz und schmerzhaft lehrreich. Caprioara und Jaschuar traten beinahe gleichzeitig auf eine versteckte Falltür – und verschwanden mit einem gemeinsamen Schrei in einer Grube, deren Boden mit aufrecht stehenden Speeren gespickt war. Die Alarmglocken der Festung begannen zu läuten. Mit Mühe wurden die beiden herausgezogen, angeschlagen, aber lebendig. Der anschließende Sturm auf die Haupttür scheiterte: Die Verteidiger kannten ihr Handwerk, und die Gruppe hatte keine Zauberplätze mehr. Mit blutigen Nasen und dem bitteren Geschmack der Niederlage zog sie sich ins Unterholz zurück.


Die Kletteraktion

Caprioara übernahm die düstere Aufgabe, einen Schlafplatz im Dickicht zu finden, während die anderen die Ruinen eines alten Nebengebäudes inspizierten. Jemand schob einen alten Schrank beiseite und fand darunter eine Bodenluke. Reltis befestigte einen Kletterhaken und ließ sich am Seil hinab. Der Geruch traf ihn sofort – ein dumpfer, fauliger Gestank. Er kletterte wieder hoch.

Beim zweiten Versuch brach der Haken aus der Wand. Reltis fiel, stürzte auf den Boden des Schachts – und hatte kaum Zeit, sich aufzurappeln, bevor sich im Dunkel ein Zombie bewegte. Der Kampf war kurz. Reltis gewann. Auf dem Weg zurück nach oben traf ihn ein Bolz aus dem Dunkel.


Die Nacht und ihre Besucher

Die Gruppe rastete. Helena und Niemand übernahmen die erste Wache. Gelegentlich knirschten Schritte, manchmal glitzerte Licht – doch nichts näherte sich. Schließlich zog Helena sich zum Schlafen zurück.

Der Hund weckte sie alle. Niemand bellte, kurz und scharf, und im nächsten Moment waren drei Gestalten am Rand des Lagers. Niemand stürzte sich auf die Angreifer, wurde angeschossen, biss zurück. Beim Rückzug traf ihn ein zweiter Bolz hart. Jaschuar kämpfte mit seiner üblichen Unbekümmertheit und stand dabei kurz vor dem Tod. Ein gegnerischer Kämpfer wuchs mit jedem Treffer an Stärke. Dann erschien das Spinnennetz – Niemand und Helena wurden darin gefangen. Eldryn blieb ruhig, tötete den starken Kämpfer – und bekam prompt einen Bolz von Halguin ins Kreuz. Friendly Fire. Er ließ es unkommentiert und tötete den zweiten Kämpfer. Der feindliche Kleriker floh. Den Magier ereilte Halguins letzter, präziser Bolz. Jemand machte einen Witz über Eldryns Beinamen „Druff“ und Niemands vermeintlichen Spitznamen „Wuff“. Niemand lachte besonders laut.


In den Keller

Am nächsten Morgen stiegen alle durch die Luke hinab. Reltis erledigte den letzten Zombie mit routinierter Effizienz. Halguin sammelte akribisch die verstreuten Bolzen ein. Am Ende des Kellergangs witterte Halguin eine Geheimtür – sie ließ sich nicht öffnen. Die Gruppe nahm die andere Tür.

Der Lagerraum dahinter begrüßte sie mit einem nicht identifizierbaren Haufen in der Ecke. Helena trat neugierig näher – eine Gestalt erhob sich – Helena rannte. Reltis zerstach das Monster. Dann kamen die Kisten: Reltis öffnete die erste und bekam einen Bolzen in die Rippen. Caprioara öffnete die zweite – die herausschießenden Pfeile hinterließen ihr einen unfreiwilligen, aber auffälligen neuen Stil an den Augenbrauen. Der Lagerraum enthielt trotzdem einen Gewinn: den Mechanismus für die Geheimtür. Doch der Hunger nach Schlaf war größer als die Neugier. Caprioara wachte – und diesmal war die Nacht gnädig.


Gang, Fallen und ein Raum des Grauens

Der lange Gang dahinter war kein freundlicher Ort. Fallen lauerten in unregelmäßigen Abständen – mal elegant umgangen, mal schmerzhaft getroffen. Am Ende öffnete sich eine Tür in einen Raum, der die Gruppe zum Innehalten zwang.

Acht Bänke. Auf jeder eine Leiche. An der Wand: ein großes Totenkopfsymbol, in Stein gemeißelt. Helena begann leise mit ihrem Speer zu sprechen – mit Gerald. Die Gruppe tauschte Blicke. Caprioara zählte konzentriert ihre Pilze nach. Eldryn handelte ohne Zögern: Helena und Joschuar vertrieben mit göttlicher Macht die untoten Toten, und Eldryn zerklopfte das Totenkopfrelief mit einer Gründlichkeit, die keinen Zweifel ließ. Der Raum war gereinigt.


Karten, Bücher und offene Türen

Der nächste Raum bot ein anderes Bild. An einer Wand prangte ein Landkartenrelief – ein eingraviertes Abbild einer noch nicht eingeordneten Gegend. Auf einem Sockel lag ein altes Buch. Halguin öffnete es mit vorsichtigen Händen – nur Staub und zerfallene Seiten. Doch der Einband war mit Edelsteinen besetzt, und Halguin steckte ihn mit der ruhigen Selbstverständlichkeit eines Mannes ein, der weiß, was von Wert ist.

Reltis legte seine Hand an die zweite Tür des gruseligen Raums und öffnete sie.

Was dahinter wartete, würde die nächste Seite dieser Chronik füllen. Die Insel gab ihre Geheimnisse nicht auf einmal preis – sie ließ sie die Gruppe Tür für Tür, Raum für Raum erarbeiten.


Ende von Kapitel IV