Kapitel II – Schatten über dem Rennweg

Kapitel

Das Rennen war kein bloßer Wettkampf mehr. Was als fröhliche Veranstaltung zu Ehren des verstorbenen Königs begonnen hatte, warf mit jedem Hufschlag dunklere Schatten. Jemand – oder etwas – bewegte sich parallel zu den Reitern, unsichtbar und kalt wie ein Messer in der Nacht.


Das letzte Gespräch mit einem Zeugen

Während Reltis auf dem Rennweg durch die Dämmerung preschte, blieb Capri zurück – und mit ihr Niemand, ihr Reithund, der aufmerksam die Luft schnupperte, als ahnte er, dass dieser Abend noch mehr bereithalten würde als gewöhnlich. Capri tat das, was sie besser als die meisten konnte: Sie sprach. Diesmal mit Arnolds Pferd. Das Tier war aufgewühlt, seine Augen noch immer weit aufgerissen von der Erinnerung an das, was es gesehen hatte. Capri verstand die Bilder, die das Pferd ihr in seiner Tiersprache vermittelte: ein dumpfes „Plonk“ – das Geräusch eines Körpers, der fällt. Auffällige Schatten, die sich schnell bewegten. Dann Chaos, Angst und Flucht. Was mit Arnold geschehen war, wussten sie bereits. Wer dahintersteckte – das noch nicht.


Masken, Mitspieler und ein Name

Reltis hatte sich derweil tapfer durch das erste Drittel des langen Rennens gekämpft und noch kurz vor Einbruch des Abendsternes fünf weitere Teilnehmer*innen überholt. In der Herberge erhielt er eine Maske mit der aufgestickten Zahl 7 – seine Startnummer für den zweiten Tag. Er ließ sich in der Schankstube nieder und setzte sich zu einer Gruppe anderer Reiter: Tray, Joanne, Eva und Wiliamina. Der Small Talk floss mühsam, brachte aber eine wertvolle Information: Die Cousine mit dem schwarzen Pferd aus Capris Tiergespräch hatte einen Namen. Alyssa.

Später kam die Gruppe wieder zusammen. Niemand begrüßte Reltis mit einem kurzen Schnüffeln an der Hand – und ließ ihn dann stehen, weil Capri gerade Wichtigeres zu berichten hatte. Sie erzählte von dem, was Arnolds Pferd ihr mitgeteilt hatte. Reltis wollte sofort handeln und die anderen Teilnehmer warnen. Doch als er in den Schankraum zurückging, saß dort niemand mehr. Reltis legte sich schließlich schlafen, während Helena die Schlafplätze im Tempel organisierte.


Eine unruhige Nacht

Reltis schlief nicht lange. Ein dumpfer Schlag riss ihn aus dem Halbschlaf. Im schwachen Licht des Flures sah er eine Gestalt, die eilig die Treppe hinunterhuschte. Er folgte ihr ins Freie – nichts. Die Stille der Nacht verschluckte jeden Hinweis. Er kehrte ins Bett zurück. Kurz darauf: Fußschritte im Flur, das leise Knacken einer Tür. Wieder stand Reltis auf – und sah diesmal Alyssas Begleiterin, im Nachthemd, auf dem Weg zurück zu ihrem Zimmer. Es war tatsächlich nur ein nächtlicher Gang zur Toilette. Beschämt und erschöpft legte er sich erneut hin.


Der Morgen des Verdachts

Mit dem Morgen kamen neue Unannehmlichkeiten. Im Schankraum fand Reltis nur noch elf weitere Teilnehmer*innen – von ursprünglich zwanzig war fast die Hälfte verschwunden. Gerüchte hatten die Runde gemacht: Reltis galt nun als jemand, der „Frauen auflauert“. Sein Versuch zu warnen verhallte ohne Wirkung. Der Wachposten war knapp: *„Es gab aber einen Unglücksfall.“*

Vor der Herberge warteten Capri, Helena, Eldryn – und Niemand, der wedelte, als wäre das alles kein Problem. Capri drückte Reltis wortlos ein paar Heilbeeren in die Hand – ein stilles Zeichen von Fürsorge zwischen Geschwistern in einer angespannten Lage. Als Siebter brach Reltis auf, rund fünfzehn Minuten nach Alyssa. Capri, Helena, Eldryn und Niemand folgten fünfunddreißig Minuten später.


Die Falle im Wald

Das erste Wegstück des zweiten Tages forderte Reltis einige Nerven ab. Dann, als er in ein Waldstück einritt, überkam ihn ein Gefühl der Vertrautheit. Er hörte Rufe. Er verlangsamte. Alyssas Pferd stand allein am Wegesrand, ohne Reiterin – und in diesem Moment traf es ihn: eine unsichtbare Kraft legte sich wie Blei über seinen Körper. Reltis war paralysiert, während er aus dem Augenwinkel zwei Männer in das Unterholz fliehen sah und eine Frauenstimme aus der Dunkelheit drang.

Nach dreißig langen Sekunden löste sich der Bann. Als andere Teilnehmer*innen heranritten und Reltis sie warnte, erntete er nur Misstrauen. Dann traf die Gruppe ein. Niemand hatte sofort die Nase am Boden und folgte den Spuren, die vom Weg in das Unterholz führten. Reltis erhielt seine Schwerter zurück, und gemeinsam folgten sie den Kampf- und Schleifspuren tief ins Dickicht. Die Pferde wurden am Waldrand angebunden.


Die Spur zum Planwagen

Als sie den Waldrand erreichten, öffnete sich der Blick auf Hügelland und eine staubige Straße. Auf einem Feldweg rollte ein Karren – bedeckt mit einer schweren Plane. Capri und ihr Begleiter ritten rasch zu einem erhöhten Aussichtspunkt, während die anderen die Pferde holten. Doch auf der Straße brodelte bereits ein Tumult: Frauen berichteten aufgeregt von Reltis. Die Gruppe zog sich ins Gebüsch zurück. Niemand legte sich flach neben Capri, als hätte er genau gewusst, dass jetzt Stille gefragt war.


Charisma als Waffe

Jemand aus der Gruppe wirkte den Zauber Eagle’s Splendor auf Eldryn und verlieh ihm übernatürliches Charisma (+4). Helena und Eldryn traten gemeinsam auf die Straße, Waffenspitzen richteten sich auf sie – doch Eldryn redete ruhig und überzeugend und brachte die Wachen dazu, mit ihnen dem Calantons Weg zu folgen und den Planwagen zu verfolgen. Reltis schlich sich währenddessen zurück zu seinem Pferd. Am Waldrand fand sich die Gruppe wieder zusammen – Niemand wedelte kurz, als wäre das alles genau so geplant gewesen.

Was auch immer hinter dem Fest zu Wegesruh steckte, es reichte weiter als ein Mordfall am Wegesrand. Jemand entführte Teilnehmerinnen eines königlichen Rennens, mitten am hellichten Tag, auf cormyranischem Boden. Die Gruppe hatte keine Befehle, keine Auftraggeber und keinen Plan. Nur Spuren im Schlamm – und einen Hund, der wusste, wohin er seine Nase zu halten hatte.


Ende von Kapitel II