Kapitel I – Das Fest zu Wegesruh
Es war Spätfrühling, als die Welt noch nach frischem Gras und dem Versprechen warmer Tage roch – und als sich die Wege von vier sehr unterschiedlichen Seelen das erste Mal kreuzten. Nicht durch Zufall, wie es im Nachhinein scheinen mochte, sondern durch jenes unsichtbare Band, das das Schicksal manchmal um die Hände der Auserwählten schlingt.
Die Reise in die Feststadt
Caprioara – Capri, wie sie alle nannten – war ein junges Mädchen aus Scornubel mit einem Herz voller Abenteuerlust und einem tiefen Zug zu allem, was Fell, Hufe oder Flügel hatte. An ihrer Seite: Niemand, ihr Reithund – ein treues, kluges Tier – sein Name „Niemand“ klang wie eine Bescheidenheitsgeste, die niemanden täuschte, der ihn einmal in Aktion gesehen hatte. Capris Traum war ein weiteres Reittier, eines, das zu ihr passte, das sie verstand und das sie zurückverstand. Wegesruh, so hatte sie gehört, war der Ort, an dem man das Glück manchmal persönlich antraf. Also drängte sie darauf, dorthin zu reisen.
Ihr älterer Bruder Reltis ließ sie nicht allein gehen. Sie war noch zu jung, um allein durch Cormyr zu ziehen – auch wenn Capri das sicher anders sah. So schlossen sich die Geschwister einer Handelskarawane an, in der auch ein gewisser Frank reiste, über den die Aufzeichnungen wenig verraten.
Die Reise verlief nicht ohne Tücken. Irgendwo in den feuchten, düsteren Sümpfen des Landes brach plötzlich Chaos aus – Goblins fielen über den Wagenzug her. Lanzen flogen, Pferde scheuten, der Lärm des Kampfes hallte durch das schilfartige Dickicht. Doch bevor das Schlimmste geschehen konnte, erschienen Soldaten der Purpurdrachenarmee. Mit gezogenen Schwertern trieben sie die Goblins zurück und retteten die Überlebenden. Die Verwundeten wurden gepflegt, eine Spende entrichtet, Waffen registriert – und jeder erhielt einen offiziellen Ausweis als bewaffneter Reisender.
Drei Tage ritt die Gruppe unter Purpurdrachen-Eskorte Richtung Wegesruh. Capri hielt stets Ausschau nach interessanten Tieren am Wegesrand – leider vergebens. Niemand trottete geduldig neben ihr her, als wüsste er, dass seine Herrin irgendwann finden würde, was sie suchte.
Ankunft in einer vollen Stadt
Wegesruh empfing seine Gäste mit Trubel und Gedränge. Die Königstochter hatte zu Ehren des verstorbenen Königs ein großes Fest organisiert – einen Jahrmarkt mit bunten Fahnen, Karussells, Wurfbuden und einem Pferderennen, das Reiter aus nah und fern anlockte. Die alten Banner der Stadt waren gehisst, und über allem lag jener besondere Geruch von gebrannten Nüssen, Pferdemist und Aufregung, den nur Jahrmärkte verströmen.
Die Stadt selbst war überschaubar: rund zweitausend Einwohner, eine solide Festung, ein Tempel der Göttin Tymora – der Herrin des Glücks. Heute aber quollen die Gassen über vor Besuchern.
Die Gruppe – nun bestehend aus Capri, Reltis, Helena und Eldryn – suchte am frühen Abend die erste Taverne auf. Schon von außen war klar: kein Platz mehr. Reltis fragte trotzdem und wurde prompt ausgelacht. Zwei Alternativen standen zur Debatte: der Bauernhof eines gewissen Dulea und der Gasthof „Zum Alten Mann“. Capri stimmte für den Bauernhof, wurde jedoch überstimmt.
Der „Alte Mann“ – ein dreistöckiges Haus, gut besucht, aber erträglich – bot im Schlafsaal dreißig Plätze an. Eldryn buchte. Die Bedienstete Esba brachte die Gruppe in den Saal und gab den Tipp, Waffen besser bei der Wache abzugeben. Niemand wurde im Tierstall untergebracht – ein würdiger Platz für einen Hund, dem der Name „Niemand“ so wenig gerecht wurde wie ein leerer Napf. Die Waffen wanderten gegen Pfandmarken in die Burgverwahrung. Nur Eldryn zeigte sich widerspenstig und behielt wenigstens sein Schild.
Jahrmarkt und Glücksspiele
Der Jahrmarkt war eine Welt für sich. Capri schlenderte zwischen den Buden, die Augen offen für alles mit Fell oder Federn – doch Händler boten Würfelspiele und Zuckerwaren, keine Reittiere. Reltis versuchte beim Spiel „Schlag die Ratte“ sein Glück – mit verheerendem Ergebnis. Er zertrümmerte zwei Hämmer und gewann keinen einzigen Chip. Capri beobachtete das Spektakel mit kaum verhohlener Missbilligung.
Beim Glücksrad und den Wurfpfeilen lief es besser: Reltis häufte insgesamt 104 Chips an – genug für die Rennteilnahme à 100 Chips. Ein Versuch, über Lord Umbra an ein besseres Pferd zu gelangen, scheiterte kläglich. Capri musste auf eine eigene Teilnahme am Rennen verzichten – unter zwanzig Jahre alt, keine Ausnahmen. Das schmerzte sie weniger, als man hätte denken können. Sie suchte schließlich keinen Rennsieger, sondern einen Gefährten fürs Leben – und Niemand allein reichte ihr Herz noch nicht ganz.
Die Prophezeiungen
Während Reltis seine Chips verzockte, zog es Helena in eine ganz andere Richtung. Als Klerikerin hatte sie Quartier in einer schlichten Zelle im Tempel bezogen. Am Morgen fand sie sich vor einem seltsamen Zelt wieder – dem Zelt einer Wahrsagerin. Zwei schweigsame Wachen standen vor dem Eingang. Drinnen herrschte unheimliche Stille. Eine alte Frau begrüßte Helena, als hätte sie sie erwartet, sprach von Lebensgefahr und einem großen Kampf und gab ihr den Rat, ihrem Herzen zu folgen. Dann wies sie auf eine Truhe. Helena öffnete sie – und fand einen Speer, dessen Klinge das Symbol ihrer Gottheit trug. Bevor sie das Zelt verlassen konnte, verschwanden Frau und Einrichtung, als hätten sie nie existiert.
Helena suchte das Geschäft „Timonz – Feine Waren“ auf, um den Speer identifizieren zu lassen. Der zuständige Kollege war erst nach dem Turnier wieder verfügbar. Der Händler kaufte ihr stattdessen einen Ring ab.
Reltis erlebte eine ähnlich verstörende Begegnung. Ein länglicher Schlitz, Licht dahinter, ein merkwürdiges Taubheitsgefühl in den Ohren – und dann stand er in einem Raum mit einer jungen Frau und einer Kristallkugel. Sie bot an, sein Schicksal zu enthüllen. Reltis legte die Hand auf die Kugel und sah sich im Geiste auf einem Pferd reiten, bis ein Ast ihn ruckartig aus dem Sattel riss. Die Frau forderte ihn auf, eine Karte zu ziehen. Reltis tat es – und verlor dabei all sein Geld. Tisch und Frau verschwanden.
Capri, Pferde und ein sprechender Speer
Capri hatte derweil eine Unterhaltung geführt, die die meisten Menschen für unmöglich gehalten hätten. Mit der Gabe, die Sprache der Tiere zu verstehen, hatte sie sich mit einem der Jahrmarktspferde unterhalten. Was sie erfuhr: Die Pferde hatten untereinander ausgemacht, wer das Rennen gewinnen würde – ein neues schwarzes Pferd, das dem Stall von Alesiars Cousine gehörte. Capri gab die Information weiter.
Helena hatte zwischenzeitlich den traurigen Reltis gefunden und angesprochen. Danach trennten sich die Wege kurz: Capri, Reltis und Eldryn zogen ins Wirtshaus, Helena versuchte erneut, Informationen über ihren Speer zu bekommen. Vergebens – bis eine Stimme in ihrem Kopf erklang. Die Stimme des Speeres selbst teilte ihr mit, dass die drei anderen ihr hilfreich sein könnten. Wie durch Fügung fand Helena die drei kurz darauf.
Als Cormyranerin und Klerikerin durfte Helena ihre Waffen offen tragen – etwas, das Reltis sichtlich seltsam fand. Helena taufte den Speer kurzerhand „Gerald“, sehr zum Missfallen des Speeres, der seinen wahren Namen für sich behielt.
Der Abend vor dem Rennen
Das Rennen würde achtzehn Stunden dauern, eine Übernachtung unterwegs nötig machen und zwanzig Teilnehmer*innen an den Start bringen. Kurz vor der Einschreibung schubste eine grobe, namenlose Gestalt die Gruppe beiseite, um sich in letzter Minute noch anzumelden. Die Unhöflichkeit blieb unkommentiert.
Reltis‘ Vision ließ die Gruppe nicht los. Helena überließ ihm ihr Pferd. Capri übernahm die Vorbereitung: Sie sprach mit dem Tier, erklärte ihm ruhig, was morgen kommen würde, und gab ihm Zucker und Karotten – als spräche sie mit einem alten Freund. Für Eldryn wurde ebenfalls ein Pferd ausgeliehen. Treffpunkt: 5 Uhr morgens am Pferdestall.
Der Morgen des Rennens und ein dunkler Fund
Mit der Morgendämmerung sammelten sich die Gefährten. Pferde wurden geholt, gesattelt, Waffen abgeholt. Niemand kam aus dem Tierstall – ausgeruht, wachsam, bereit. Dann trennten sich die Gruppen: Reltis ritt zum Startplatz vor der Burg. Capri, Helena, Eldryn und Niemand postierten sich am Wegesrand vor den Toren.
Reltis sah das schwarze Pferd sofort. Unverkennbar das Tier aus seiner Vision. Das Blut gefror ihm einen Herzschlag lang in den Adern, bevor das Horn ertönte. Er ritt an, fand sich im Mittelfeld wieder. Die anderen brachen dreißig Minuten später auf.
Reltis kam an einem reglos am Wegrand liegenden Reiter vorbei und ritt weiter – das Rennen ließ keine Zeit. Er erreichte den Posten bei Espar, rastete fünfzehn Minuten, ritt weiter nach Tyrluk.
Capri, Helena und Eldryn stießen derweil auf etwas Erschreckendes: ein einsames, herrenloses Pferd. Niemand schnupperte unruhig an den Spuren am Boden. Schleifspuren im Gras führten in den Wald. Sie folgten ihnen – und fanden einen Mann, tot, die Kehle sauber durchtrennt. Kein Unfall. Mord.
Eldryn lud den Toten auf sein Pferd und brachte ihn zum Posten in Espar. Die Wachen kamen. Eldryn schilderte ruhig, was geschehen war. Die Reaktion des Postensoldaten ließ das Gewicht des Fundes erst wirklich spürbar werden:
„Oh nein… das ist Arnold vom Hause Schwefel!“
Die Gruppe hatte das Fest der Königstochter betreten als zufällig zusammengewürfelte Reisende. Sie würden es verlassen als Zeugen eines Verbrechens, das größer war, als irgendeiner von ihnen ahnen konnte.
